Ein Reich ohne Hauptstadt
Um 1500 gibt es kein Deutschland als Staat. Was man das Heilige Römische Reich nennt, ist ein Flickenteppich aus Fürstentümern, Bistümern, Herzogtümern und freien Reichsstädten, die allein dem Kaiser unterstehen. Weil kein einziger Hof den Geschmack vorgibt, entsteht die deutsche Renaissance gleich aus mehreren Zentren – jedes mit eigenen Werkstätten, Aufträgen und Fertigkeiten. Nürnberg und Augsburg, mächtige Handelsstädte frei von fürstlicher Vormundschaft, werden ihre künstlerischen Hauptstädte; Wittenberg zum Laboratorium der neuen Ideen; Dresden, München und Heidelberg zu Residenzen, in denen die Fürsten um Pracht wetteifern.
Gerade diese Zersplitterung macht die Eigenart der Epoche aus: kein monumentales Fresko nach italienischer Art, sondern die Herrschaft des Holzschnitts, des geschnitzten Altars, des bürgerlichen Bildnisses und des Buches. Die deutsche Kunst spricht die Sprache der Städte, der Zünfte und der Kaufleute ebenso wie die der Fürsten.
Mainz und die Revolution des Drucks
Vor den Pinseln steht die Druckerschwärze. Um 1450 entwickelt Johannes Gutenberg in Mainz den Druck mit beweglichen Metalllettern; seine zweiundvierzigzeilige Bibel, in der Mitte der 1450er Jahre vollendet, eröffnet das Zeitalter des gedruckten Buches. Binnen einer Generation breiten sich die Offizinen in den rheinischen und süddeutschen Städten aus. Nürnberg und Augsburg werden zu Hochburgen des Verlagswesens.
Der Buchdruck ist kein bloßer technischer Fortschritt, sondern der Nerv der ganzen deutschen Renaissance. Er verbreitet die antiken Texte und die humanistischen Schriften, vervielfältigt die Druckgraphik der großen Meister und wird der Reformation bald ihre schärfste Waffe liefern. Ohne die Presse von Mainz wären weder Dürer als europaweit verkaufter Graphiker noch Luther, der das Reich binnen Monaten entflammt, denkbar.
Nürnberg und Augsburg, Hauptstädte der Kunst
Nürnberg, Knotenpunkt der Handelswege, versammelt Goldschmiede, Gießer, Stecher und Gelehrte. Man fertigt hier Präzisionsinstrumente, druckt und gießt Bronze. Es ist die Stadt Dürers und das Sinnbild einer städtischen Kunst, in der technische Meisterschaft so viel zählt wie die Eingebung.
Augsburg, das Tor nach Italien, ist stärker nach Süden gewandt. Durch seine Bankhäuser fließen das Gold und die italienischen Ideen; bemalte Fassaden und Kaufmannspaläste machen das antike Formengut hier früher heimisch als anderswo. Aus Augsburg stammt die Familie Holbein.
Die Generation Dürer
Ein Mann verkörpert den Umbruch: Albrecht Dürer (Nürnberg, 1471-1528). Als Goldschmiedssohn überquert er zweimal die Alpen, um die venezianische Malerei und die antike Proportionslehre zu studieren, und bringt das Selbstverständnis des gelehrten Künstlers nach Deutschland, der seine Werke mit dem berühmten Monogramm signiert. Seine graphischen Folgen – die Apokalypse, die Große Passion– und seine Kupferstiche wieMelencolia Imachen ihn zum ersten europäischen Künstler, dessen Ruhm auf dem reproduzierbaren Bild beruht. DieVier Apostel fassen am Ende seines Lebens seine Kunst zusammen.
Um ihn eine ganze Konstellation. Lucas Cranach der Ältere, Hofmaler der sächsischen Kurfürsten in Wittenberg, leitet eine überaus produktive Werkstatt, erfindet einen schlanken Akttypus und stellt seinen Pinsel in den Dienst der Reformation. Hans Holbein der Jüngere, in Augsburg und Basel geschult, wird zum unübertroffenen Bildnismaler des englischen Hofes, einem unbestechlichen Beobachter der Gesichter der Macht. Matthias Grünewald treibt die religiöse Malerei mit dem Isenheimer Altar, heute in Colmar bewahrt, zu einem Gipfel expressiver Eindringlichkeit. Albrecht Altdorfer, Haupt der Donauschule, erfindet beinahe die reine Landschaft und malt eine Alexanderschlacht von kosmischer Weite, in München bewahrt.
Der Meißel und das Holz: Riemenschneider, Stoß, Vischer
Das Deutschland dieser Zeit ist auch, und vielleicht vor allem, ein Land der Bildschnitzer. Der große geschnitzte Flügelaltar, oft im natürlichen Ton des Lindenholzes belassen, erreicht hier eine Vollkommenheit ohne Beispiel. Tilman Riemenschneider, Meister in Würzburg, bearbeitet Stein und Lindenholz mit schwermütiger Sanftheit; sein Heilig-Blut-Altar in Rothenburg und sein Marienaltar in Creglingen zählen zu den Höhepunkten der Gattung.
Veit Stoß, nach zwanzig Jahren in Krakau in Nürnberg tätig, hinterlässt eine angespannte, nervöse Kunst mit aufgewühlten Gewändern. Peter Vischer der Ältere, Nürnberger Gießmeister, ist von allen der aufgeschlossenste für die italienischen Formen: sein bronzenes Sebaldusgrab, um 1519 vollendet, verbindet ausklingende Gotik mit antikem Zierwerk. Zwischen diesen drei Namen vollzieht sich der ganze Übergang von der Spätgotik zur Renaissance.
Die Reformation und der Umbruch des Bildes
1517 schlägt der Mönch Martin Luther in Wittenberg seine Thesen gegen den Ablass an. Vom Buchdruck verbreitet, entflammt der Protest das Reich. Seine auf der Wartburg begonnene Bibelübersetzung ins Deutsche schmiedet eine gemeinsame Schriftsprache; an seiner Seite ordnet der Humanist Philipp Melanchthon, der „Lehrer Deutschlands", Schule und neues Denken.
Die Reformation erschüttert den Status des Bildes. Wo die Bilderstürmer die Statuen zerschlagen, muss sich die Kunst neu erfinden: Cranach und seine Werkstatt entwickeln eine protestantische Bildwelt, Bildnisse der Reformatoren und lehrhafte biblische Szenen, durch die Graphik verbreitet. Deutschland teilt sich dauerhaft in katholische und reformierte Länder – ein Riss, der bis in die Architektur der Schlösser reicht.
Die Fugger und das Geld der Welt
Nichts davon lässt sich ohne das Geld Augsburgs begreifen. Jakob Fugger, genannt der Reiche (1459-1525), baut auf den Silber- und Kupferbergwerken die erste große Finanzmacht Europas auf. Seine Kredite entscheiden 1519 die Kaiserwahl Karls V. Mäzen ebenso wie Bankier, stiftet er seiner Stadt die Fuggerei, die älteste noch bewohnte Sozialsiedlung der Welt, 1521 gegründet. Mit den Fuggern finanziert das deutsche Kapital die Kaiser, die Päpste und, mittelbar, die Künste.
Humanismus, Fürsten und Weserrenaissance
Das letzte Jahrhundert dieser Renaissance gehört den bauenden Fürsten. In Heidelberg reiht der Ende der 1550er Jahre errichtete Ottheinrichsbau an seiner Fassade biblische Helden, Tugenden und antike Gottheiten aneinander: eines der ersten großen Renaissance-Bildprogramme Deutschlands. Im Norden, entlang der Weser, entsteht eine eigenständige regionale Spielart, die Weserrenaissance: Rathäuser und steinerne Bürgerhäuser mit reich geschmückten Giebeln und zweigeschossigen Utluchten, in Städten wie Hameln und Lemgo, wo sich das italienische Formengut mit dem niederländischen Erbe verbindet.
Diese Blüte bricht jäh ab. 1618 verwüstet der Dreißigjährige Krieg das Reich, entvölkert seine Städte und beendet das schöpferische Jahrhundert, das Gutenberg und Dürer eröffnet hatten. Was bleibt, ist ein verstreuter Schatz an Altären, Graphiken, Bildnissen und Fassaden, Stadt für Stadt wiederzuentdecken.
