Eine freie Stadt im Herzen des Reiches
Um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zählt Nürnberg zu den größten Städten des Heiligen Römischen Reiches. Als freie Reichsstadt untersteht sie allein dem Kaiser und regiert sich selbst durch einen patrizischen Rat. Ihr Reichtum stammt aus dem Handel: am Schnittpunkt der mitteleuropäischen Fernstraßen gelegen, bewegt sie Metalle, Gewürze und Luxuswaren – und mit ihnen Ideen. Der Handel zieht auch den Buchdruck an: eine der bedeutenden Offizinen der Stadt ist jene Anton Kobergers, eines angesehenen Verlegers und Paten eines Kindes, dem der Ruhm bestimmt war – Albrecht Dürer. In diesem Klima aus Geld, Wissen und Frömmigkeit finden die Künste einen außergewöhnlichen Boden.
Dürers Werkstatt und Reisen
Albrecht Dürer (1471-1528) wird in Nürnberg geboren und stirbt dort. Als Sohn eines aus Ungarn eingewanderten Goldschmieds erlernt er zunächst beim Vater das Handwerk des Metalls, dann die Malerei und vor allem die Druckgrafik, in der er eine nördlich der Alpen unerreichte Meisterschaft erlangt. Zweimal überquert er die Alpen nach Italien: ein erstes Mal Mitte der 1490er Jahre, kurz nach seiner Heirat, und erneut von 1505 bis 1507 in Venedig. Dort studiert er die Perspektive, die Anatomie und das Licht der italienischen Meister, die er aufnimmt und verwandelt. 1520/21, alt und berühmt, reist er noch in die Niederlande, wo man ihn wie einen Fürsten der Kunst empfängt.
Sein grafisches Werk begründet seinen europäischen Ruhm. Die drei Meisterstiche – Ritter, Tod und Teufel (1513), Hieronymus im Gehäus (1514) und Melencolia I (1514) – verdichten das Denken ihrer Zeit zwischen ritterlicher Tugend, gelehrter Betrachtung und der Schwermut des Schöpferischen. Am Ende seines Lebens zeugt die Tafel der Vier Apostel von seinem Bekenntnis zur Reformation, die Nürnberg in den 1520er Jahren erfasst.
Die Theorie: Messung und Proportion
Dürer ist nicht nur ein Virtuose der Hand. Er will die Kunst auf Vernunft und Zahl gründen. 1525 veröffentlicht er die Underweysung der Messung, eine Abhandlung über die auf Zeichnung, Perspektive und Buchstabenkonstruktion angewandte Geometrie. Schon seit seinem ersten Aufenthalt in Venedig arbeitet er zudem an einer Theorie der idealen Proportionen des menschlichen Körpers: Diese Vier Bücher von menschlicher Proportion erscheinen nach seinem Tod, 1528, durch die Fürsorge seines Freundes, des Humanisten Willibald Pirckheimer, und seiner Frau Agnes. Mit ihnen wird der Maler zum Theoretiker, und die deutsche Renaissance erhält ihre ersten großen Traktate in deutscher Sprache.
Pirckheimer und der Gelehrtenkreis
Diesen geistigen Ehrgeiz verdankt Dürer zum Teil seiner Freundschaft mit Willibald Pirckheimer (1470-1530), einer Leitfigur des deutschen Humanismus und Rat Kaiser Maximilians I. Als Gräzist und Büchersammler eröffnet Pirckheimer seinem Freund die Welt der antiken Literatur; er leiht ihm das Geld für die zweite Italienreise, und die Briefe, die Dürer ihm aus Venedig schreibt, bezeugen die Herzlichkeit dieser Bindung. Um die beiden versammelt sich ein Kreis von Gelehrten – darunter der Mathematiker Johannes Werner –, in dem Kunst, Wissenschaft und Glaube auf Augenhöhe erörtert werden.
Die Bildhauerei: Bronze, Holz und Stein
Nürnberg ist nicht allein eine Stadt der Maler. Drei Meisterwerke, in denselben Jahrzehnten entstanden, führen hier die Bildhauerei auf ihren Höhepunkt. In der Sebalduskirche gehört das Sebaldusgrab, von Peter Vischer dem Älteren und seiner Werkstatt zwischen 1507 und 1517 in Bronze gegossen, zu den ersten großen Aufnahmen der italienischen Renaissanceformen nördlich der Alpen. In der Lorenzkirche meißelt Adam Kraft zwischen 1493 und 1496 ein gewaltiges steinernes Sakramentshaus, das sich fast neunzehn Meter hoch als gotisches Spitzenwerk zum Gewölbe emporrankt. Am selben Ort schnitzt Veit Stoß um 1517/18 aus Lindenholz den Englischen Gruß, der über dem Chor schwebt – eine Stiftung des Patriziers Anton Tucher. Bronze, Stein und Holz: drei Werkstoffe, drei Meister.
Hans Sachs und die Stadt der Künste
Das Schaffen bleibt nicht den Eliten vorbehalten. Hans Sachs (1494-1576), Schuhmacher von Beruf und Dichter aus Berufung, verkörpert den Meistersinger von Nürnberg: Er bringt das Leben, die Sittlichkeit und die religiösen Auseinandersetzungen der Stadt in Verse, in einer Sprache, die allen zugänglich ist. Maler, Kupferstecher, Erzgießer, Bildhauer, Drucker und Dichter – Nürnberg vereint zur selben Zeit ein Bündel von Begabungen, die es für eine Generation zur wahren Kunstmetropole des Reiches machen.
