Die Metropole eines Reichs ohne Hauptstadt
Um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zählt Nürnberg zu den wohlhabendsten Städten Europas. Als freie Reichsstadt untersteht sie allein dem Kaiser: Ihr patrizischer Rat regiert ein weites Umland, prägt Münzen, spricht Recht und unterhält Handelsverbindungen von Venedig bis Antwerpen. Über drei Jahrhunderte werden hier die Reichskleinodien verwahrt. Dieser kaufmännische Reichtum zieht eine Generation von Künstlern und Gelehrten an und nährt sie — und macht die Stadt um 1500 zu einem der bedeutendsten Zentren der Renaissance nördlich der Alpen.
Das Geld der großen Geschlechter — der Tucher, Imhoff, Volckamer und Peller — gibt Altäre, Grabmäler, Epitaphien und Goldschmiedewerke in Auftrag. Werkstatt und Gießhütte stehen neben der humanistischen Studierstube: Nirgends sonst im deutschen Raum treten Handwerk und Gedanke so eng in Zwiesprache.
Dürer und der neue Blick
Albrecht Dürer, 1471 in Nürnberg geboren und 1528 in seiner Vaterstadt gestorben, verkörpert diesen Augenblick. In der Werkstatt des Malers Michael Wolgemut ausgebildet — von dem er später ein eindringliches Bildnis hinterlässt —, bringt er von seinen Reisen nach Venedig ein neues Wissen um Perspektive und Proportion mit, das er mit der Genauigkeit des deutschen Zeichenstils verbindet. Als Kupferstecher von Rang wie als Maler trägt er die italienische Renaissance in die Formensprache des Nordens. Das Albrecht-Dürer-Haus am Fuß der Burg bezeugt bis heute dieses Künstlerleben inmitten der Stadt.
Sein engster Freund, der Patrizier Willibald Pirckheimer, führt den Nürnberger Humanistenkreis an: belesen, Sammler und Übersetzer aus dem Griechischen, verknüpft er die Stadt mit der europäischen Gelehrtenwelt. Um die beiden schart sich eine ganze Welt von Gelehrten, Druckern und Handwerkern.
Das Jahrhundert der Bildhauer
Stein und Bronze sprechen hier von Glauben und Bürgerstolz. In St. Lorenz errichtet der Bildhauer Adam Kraft zwischen 1493 und 1496 ein Sakramentshaus aus Sandstein, an die zwanzig Meter hoch, ein emporstrebendes Werk voll steinernen Filigrans; an seinem Fuß hat sich der Künstler kniend selbst dargestellt, das Bauwerk auf den Schultern tragend. In derselben Kirche hängt der Englische Gruß, den Veit Stoß 1517/18 für die Familie Tucher schnitzt: Der Engel Gabriel verkündet Maria im Rosenkranz die frohe Botschaft — ein Meisterwerk der farbig gefassten Holzschnitzerei. Von Stoß zeugt auch ein ergreifender Christus am Kreuz von seiner Kunst, menschliches Leiden zu bilden.
In St. Sebald gießen Peter Vischer der Ältere und seine Werkstatt zwischen 1508 und 1519 das Sebaldusgrab, einen hohen bronzenen Baldachin, der den Silberschrein des Stadtpatrons umschließt. Bevölkert von Statuetten, Schnecken und Delfinen, gotische Form und italienisches Motiv verschmelzend, gilt es als eine der ersten großen Aufnahmen der Renaissance nördlich der Alpen. Um diese Brennpunkte ordnen sich Epitaphien und Stiftungen — das Schreyer-Landauer-Epitaph, die Volckamer'sche Gedächtnisstiftung —, in denen sich die Frömmigkeit der großen Häuser liest.
Goldschmiede, Dichter und Mechaniker
Nürnberg ist nicht allein eine Stadt der Kirchen. Am Hauptmarkt trägt die Frauenkirche seit 1509 das Männleinlauf-Uhrwerk, in dem jeden Mittag die Kurfürsten vor dem Kaiser vorüberziehen. Der Goldschmied Wenzel Jamnitzer, seit 1534 in der Stadt ansässig, wird zum berühmtesten Meister seines Fachs im Reich und arbeitet für mehrere Kaiser. Der Schlosser Peter Henlein gilt als einer der Ersten, die kleine tragbare Uhren fertigen — die vielzitierten „Nürnberger Eier“. Und der Schuhmacher Hans Sachs, ein überaus fruchtbarer Meistersinger, gibt der Stadt in Tausenden von Liedern ihre volkstümliche Stimme.
Patrizierhäuser wie das Pellerhaus, zu Beginn des 17. Jahrhunderts errichtet, führen dieses goldene Zeitalter in die bürgerliche Baukunst fort. Von der Werkstatt bis zur Studierstube zeigt Nürnberg das seltene Bild einer Stadt, in der die Renaissance ebenso Sache der Bürger wie der Fürsten war.
