Eine Dynastie, die vom Webstuhl aufstieg
Die Geschichte der Fugger beginnt bescheiden: Eine Weberfamilie vom schwäbischen Land lässt sich im 14. Jahrhundert in Augsburg nieder. Innerhalb weniger Generationen wandelt sich das Haus vom Textilgewerbe zum Gewürzhandel und schließlich zum Bank- und Bergbaugeschäft. Um 1500 verfügt es über das größte Vermögen Europas. Augsburg, freie Reichsstadt an den großen Handelsstraßen und häufiger Aufenthaltsort Kaiser Maximilians I., bietet den idealen Boden für diesen kometenhaften Aufstieg.
Jakob Fugger „der Reiche“
Im Zentrum steht Jakob Fugger (1459-1525), genannt „der Reiche“. In Venedig im Handel geschult, verwandelt er das Familienunternehmen in eine Finanzmaschine von bis dahin ungekanntem Ausmaß. Der entscheidende Hebel ist das Metall: Als die Fugger 1487 Erzherzog Sigismund von Tirol Geld leihen, nehmen sie Anteile an den Silber- und Kupferbergwerken zum Pfand. Sie weiten ihren Einfluss auf das Silber Tirols und Kärntens aus, dann auf das Kupfer Ungarns und Böhmens, bis sie die europäische Förderung beherrschen. Als Herr über ein nahezu monopolartiges Kupfergeschäft kontrolliert Jakob Fugger einen strategischen Rohstoff.
Seine Macht wird politisch. Die Fugger leihen den Habsburgern immer größere Summen, zunächst Maximilian I., dann seinem Enkel. 1519 führt Jakob Fugger ein Konsortium von Kaufleuten an, das rund 850.000 Gulden vorstreckt, um die Wahl Karls V. zum Kaiser gegen den französischen König Franz I. zu sichern. Ohne dieses Geld hätte die Kaiserkrone an ein anderes Haupt fallen können. Die Fugger verwalten überdies Gelder des Papsttums, darunter den Ertrag aus dem Ablasshandel – ein Räderwerk, das mittelbar Luthers Zorn und die Reformation nährt.
Die Fuggerkapelle, erstes Werk der deutschen Renaissance
Der Reichtum wird auch zu Stein und Farbe. In der Augsburger St.-Anna-Kirche lässt Jakob Fugger ab 1509 eine Grabkapelle für sich und seine Brüder Ulrich und Georg errichten. Im Wesentlichen zwischen 1509 und 1512 erbaut und 1518 geweiht, gilt die Fuggerkapelle als das erste Bauwerk der Renaissance in Deutschland: Zum ersten Mal nördlich der Alpen entfaltet sich hier die Formensprache der italienischen Renaissance – Pilaster, Balustraden, Marmor, Putten. Die Namen von Architekt und Ausstattern sind nicht vollständig überliefert, doch ein Großteil des Bildwerks wird Sebastian Loscher und der Werkstatt Hans Dauchers zugeschrieben, während die bemalten Orgelflügel von Jörg Breu dem Älteren stammen. Obgleich St. Anna lutherisch wurde, blieb diese Kapelle katholisch.
Die Fuggerei, älteste Sozialsiedlung der Welt
1521 stiftet Jakob Fugger im eigenen Namen und dem seiner Brüder die Fuggerei: ein ummauertes Viertel aus Häusern für in Not geratene Augsburger. Es ist bis heute die älteste noch bewohnte Sozialsiedlung der Welt, seit 1523 ohne Unterbrechung belebt. Die Miete, in der Stiftungsurkunde auf einen Rheinischen Gulden im Jahr festgesetzt, ist nie erhöht worden; sie entspricht heute weniger als einem Euro, dazu kommt die Verpflichtung zu drei täglichen Gebeten. Als christliche Stiftung ebenso wie als Akt des Ansehens bezeugt die Fuggerei auf ihre Weise das Verhältnis der Fugger zu Geld, Seelenheil und Gedächtnis.
Augsburg, Werkstatt der Renaissance im Norden
Im Umkreis der Fugger wird Augsburg zu einem der Zentren der Renaissance nördlich der Alpen. Zwei Maler beherrschen dort das erste Viertel des 16. Jahrhunderts. Hans Holbein der Ältere, Vater des berühmten Porträtisten, hält die Züge der kaufmännischen und patrizischen Oberschicht der Stadt fest. Hans Burgkmair der Ältere, sein Zeitgenosse, glänzt in der Malerei wie im Holzschnitt und dient dem Hof Maximilians I.; von ihm stammt der Fassadenschmuck des Wohnhauses Jakob Fuggers, das oft als erster Palast italienischen Stils in Deutschland gilt. Beide verbinden niederländische und italienische Einflüsse zu einer neuen Bildsprache, neben Dürer in Nürnberg.
Ein Jahrhundert später findet Augsburg in Elias Holl (1573-1646) seinen großen Baumeister. Von einer Italienreise zurückgekehrt, stattet er die Stadt mit öffentlichen Bauten von strenger Monumentalität aus: dem Zeughaus (1602-1607) und vor allem dem Rathaus, dessen Grundstein 1615 gelegt und dessen Bau bis 1624 geführt wird. Von Zwiebeltürmen bekrönt und den prächtigen Goldenen Saal bergend, zählt das Rathaus zu den bedeutendsten weltlichen Renaissancebauten nördlich der Alpen. Von der Kapelle Jakob Fuggers bis zum Werk Holls fasst Augsburg ein ganzes Jahrhundert zusammen: Geld wurde hier zu Architektur, und Finanz zu steinerner Erinnerung.
