Eine Ideenhauptstadt an der Elbe
Nichts deutete um 1500 darauf hin, dass Wittenberg die Welt verändern würde. Ein Städtchen des Kurfürstentums Sachsen am Ufer der Elbe, wenige tausend Einwohner, sandige Gassen. Die Wende kam 1502, als Friedrich der Weise hier eine Universität gründete, die Leucorea. Binnen weniger Jahre zog die junge Hochschule bedeutende Köpfe an und machte die Stadt zum Laboratorium neuer Gedanken. In diesem gelehrten Umfeld entzündete ein Augustinermönch, der zum Theologieunterricht gekommen war, den Brand: Martin Luther.
Die Schlosskirche und die fünfundneunzig Thesen
Am 31. Oktober 1517, am Vorabend von Allerheiligen, machte Luther seine fünfundneunzig Thesen gegen den Ablasshandel öffentlich. Der Überlieferung nach schlug er sie an die Tür der Schlosskirche, die zugleich als Anschlagtafel der Universität diente. Dieser Akt, heute in einer Bronzetür mit dem lateinischen Text der Thesen festgehalten, gilt als Geburtsstunde der Reformation.
Die Kirche ist mehr als Kulisse, sie ist ein Pantheon. Luther, 1546 gestorben, ruht nahe der Kanzel; Philipp Melanchthon, 1560 verstorben, fand hier ebenfalls sein Grab. Zwei schlichte Platten, einander gegenüber, für die beiden Männer, die die Bewegung trugen.
Luther und Melanchthon, Feuer und Methode
Luther ist der Volksredner, die donnernde Stimme, die die Bibel in ein neues Deutsch übersetzte. An seiner Seite brachte Melanchthon, 1518 als blutjunger Griechischprofessor berufen, die Strenge des Humanisten ein: Er ordnete die Lehre und erneuerte das Bildungswesen. Man nannte ihn den „Lehrer Deutschlands“. Das Melanchthonhaus, ein vornehmer Renaissancebau, bewahrt noch die Erinnerung an diesen stillen Gelehrten, den Gegenpol zum ungestümen Reformator.
Zu diesem Paar tritt Johannes Bugenhagen, Stadtpfarrer und geduldiger Organisator, der ganze Städte und Fürstentümer mit neuen Kirchenordnungen versah, von Norddeutschland bis Dänemark.
Die Stadtkirche, Reformation in Bildern
Wenige Schritte entfernt liegt die Stadtkirche St. Marien, Luthers eigentliche Pfarrkirche, in der er am häufigsten predigte. Hier wurde die erste evangelische Messe in deutscher Sprache gefeiert. Ihr Ruhm aber gründet vor allem auf dem, was sie birgt: das Meisterwerk der Cranach-Werkstatt.
Der Reformationsaltar, 1547 vollendet und geweiht, ist ein gemaltes Glaubensbekenntnis. Die Mitteltafel zeigt das Abendmahl, Luther unter die Apostel gereiht; die Flügel zeigen die von Melanchthon gespendete Taufe und die Beichte bei Bugenhagen. Unten führt die Predella Luther auf der Kanzel vor: die eine Hand auf der Bibel, die andere zum gekreuzigten Christus gestreckt, während die Gemeinde seine Frau Katharina von Bora, seinen Sohn und den Maler selbst versammelt. Das Bild sagt alles über die Botschaft: das Wort im Mittelpunkt, sonst nichts.
Zwei weitere Tafeln ergänzen diese Galerie. Das Epitaph für Johannes Bugenhagen, um 1560 von Lucas Cranach dem Jüngeren gemalt, zeigt die Taufe Christi – eine Anspielung auf den Taufnamen des Theologen. Und Der Weinberg des Herrn, das Epitaph für Paul Eber von 1569, macht aus dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ein Manifest: Die Reformatoren pflegen den Rebstock, während ihre Gegner ihn verkommen lassen.
Die Cranachs, Maler und Honoratioren
Denn Wittenberg ist auch die Stadt der Cranachs. Lucas Cranach der Ältere, Hofmaler der Kurfürsten, unterhielt hier eine blühende Werkstatt, die Cranach-Höfe an der Schlossstraße, wo gemalt, gedruckt und verkauft wurde. Als wohlhabender Bürger und Apotheker war er sogar Bürgermeister der Stadt. Sein Sohn, Lucas Cranach der Jüngere, übernahm das Erbe und schuf die großen Epitaphien der Stadtkirche. Das Rathaus im Renaissancestil am Marktplatz erinnert daran, dass die Bilder der Reformation im Herzen einer selbstbewussten Handelsstadt entstanden.
Wittenberg zu besuchen heißt, in einer Stunde zu Fuß genau den Ort zu durchwandern, an dem sich Denken, Malerei und Buchdruck verbanden, um Europa aus den Angeln zu heben.
