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Reformation und Kunst: Wie Luther das Bild neu erfand

Ein Umbruch, der das Bild nicht auslöscht

Als Martin Luther 1517 in Wittenberg seine 95 Thesen bekannt macht, eröffnet er nicht nur einen theologischen Streit, sondern auch ein Ringen um das heilige Bild. Andernorts im reformierten Europa wird der Bruch zur Zerstörung führen. Im Januar 1522, während Luther sich auf der Wartburg verbirgt, veröffentlicht sein Kollege Andreas Karlstadt eine Schrift gegen die Bilder, und der Wittenberger Rat ordnet ihre Entfernung an; Statuen und Altäre fallen.

Luther kehrt im März 1522 eilig zurück, um dem Bildersturm Einhalt zu gebieten. Seine Haltung, die er 1525 in Wider die himmlischen Propheten schärft, unterscheidet sich vom radikalen Ikonoklasmus: Das Bild sei weder anzubeten noch zu zerschlagen, sondern in den Dienst des Wortes zu stellen. Karlstadt habe die Ordnung verkehrt, indem er die Götzen von den Wänden riss, nicht aber aus den Herzen. Aus dieser Überzeugung erwächst eine eigene Position: das Bild bewahren, doch um zu lehren.

Cranach, Maler der Reformation

In Wittenberg findet dieser Gedanke seine Werkstatt. Lucas Cranach der Ältere, Hofmaler der sächsischen Kurfürsten, ist zugleich enger Freund Luthers – jeder steht einem Kind des anderen Pate. Cranach wird zum wichtigsten Bildschöpfer der reformatorischen Sache. Seine Luther-Bildnisse, besonders jene von 1529 und 1532, prägen für Jahrhunderte das Antlitz des Reformators und werden von seiner Werkstatt in Serie vervielfältigt.

Doch Cranach malt nicht nur Porträts, er erfindet eine Bildsprache. Sein Gesetz und Gnade (um 1529), als Tafel wie als Holzschnitt verbreitet, stellt Alten Bund und Evangelium einander gegenüber und verdichtet die lutherische Rechtfertigungslehre in einem einzigen Bild. Auch die von Luther übersetzte Bibel stattet er mit Bildern aus und gibt so der nun auf Deutsch gelesenen Schrift ein Gesicht.

Der Druck als Mittel der Verbreitung

Die Reformation ist die erste religiöse Umwälzung, die mit dem Buchdruck wächst. Schon 1521 gibt Cranachs Werkstatt das Passional Christi und Antichristi heraus, eine Folge von dreizehn Holzschnitten, die das demütige Leben Christi dem Prunk von Papst und Kurie entgegensetzt. Vervielfältigbar, billig und auch für Leseunkundige verständlich, begleitet der Holzschnitt die Traktate der Reformatoren und trägt ihre Theologie weit über Wittenberg hinaus. Das Bild wird vom einzigartigen Andachtsgegenstand zum Träger der Überzeugung, vervielfacht durch die Presse.

Wittenberg und Torgau: das Bild im neuen Gottesdienst

Das lutherische Programm zeigt sich im Reformationsaltar der Stadtkirche zu Wittenberg, vollendet von Cranach dem Älteren und seinem Sohn Lucas Cranach dem Jüngeren, geweiht 1547, im Jahr nach Luthers Tod. Die Mitteltafel zeigt das Abendmahl, bei dem Luther unter den Aposteln erscheint; die Flügel zeigen die von Philipp Melanchthon gespendete Taufe und die von Johannes Bugenhagen abgenommene Beichte; die Predella stellt den predigenden Luther dar, die Hand zum gekreuzigten Christus ausgestreckt. Das Bild zeigt nicht mehr anzurufende Heilige, sondern die Sakramente und das Wort im Vollzug.

In Torgau gehört die Schlosskapelle von Hartenfels, von Luther am 5. Oktober 1544 geweiht, zu den allerersten von Grund auf für den reformatorischen Gottesdienst errichteten Räumen. Der Baumeister Nikolaus Gromann schafft einen auf Kanzel und Altar ausgerichteten Raum, zu dem Cranach den Schmuck liefert. Die Architektur selbst wird zum Glaubensbekenntnis.

Dürer und die Vier Apostel

In Nürnberg, einer der Reformation zugewandten Stadt, schenkt Albrecht Dürer 1526 dem Rat zwei große Tafeln, die Vier Apostel. Zu sehen sind Johannes und Petrus, Paulus und Markus, ernst und monumental, begleitet von Schriftworten, die vor falschen Propheten warnen. Frei gegeben und nicht in Auftrag gemalt, wurde das Werk im Rathaus aufgehängt: geistiges Vermächtnis eines Künstlers, der sich dem Vorrang der Schrift verbunden fühlte, und Zeugnis dafür, dass die deutsche Kunst, ohne ihre Kraft aufzugeben, dem neuen Glauben dienen konnte.

Französische Fassung · version française