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Renaissance-Skulptur

Das Sakramentshaus von Adam Kraft: ein Steinturm, von seinem Bildhauer getragen

Das Sakramentshaus von Adam Kraft: ein Steinturm, von seinem Bildhauer getragen

Im Chor von St. Lorenz strebt ein Sandsteinturm fast neunzehn Meter empor, bis er sich unter dem Gewölbe biegt. An seinem Fuß trägt ihn ein knieender Mann auf den Schultern, einen Meißel in der Hand: es ist Adam Kraft selbst. 1496 vollendet, ist dieses Sakramentshaus das Meisterwerk der spätgotischen Sandsteinbildnerei.

Was man sehen sollte

Zuerst schaut man nach oben. Das Sakramentshaus, zur Bergung des Allerheiligsten bestimmt, nimmt die Form eines durchbrochenen gotischen Turms an, der zum Chorgewölbe aufsteigt. Der helle Sandstein ist wie Spitzenwerk bearbeitet: Maßwerk, Fialen, Bögen, in einer Feinheit, die die Härte des Steins fast vergessen lässt. In Augenhöhe fügen sich Passionsszenen in die Architektur. Dann kehrt der Blick zum Fuß zurück, und dort liegt die Überraschung: drei kniende Figuren stützen das Bauwerk. Die mittlere, fast lebensgroß, hält das Steinmetzwerkzeug — es ist Adam Kraft, der sich sein Werk tragend dargestellt hat. Ganz oben krümmt sich der für den Raum zu hohe Turm elegant unter dem Gewölbe.

Geschichte

1493 bestellte Hans IV. Imhoff, einer der reichsten Kaufleute Nürnbergs, dieses Sakramentshaus bei Adam Kraft, dem größten Steinbildhauer der Stadt. Das Werk wurde 1496 vollendet. Es fand seinen Platz im Chor von St. Lorenz, der mit dem zwanzig Jahre später hinzugefügten Englischen Gruß von Veit Stoß zu einem Ensemble ohnegleichen der spätmittelalterlichen Kunst werden sollte. Adam Kraft (um 1460-1509) war der Zeitgenosse und gewissermaßen das „Stein"-Pendant zu Veit Stoß, dem Holzbildner, und Peter Vischer, dem Bronzegießer: zu dritt machten sie Nürnberg um 1500 zur Hauptstadt der deutschen Bildhauerei.

Symbole und Geheimnisse

Ein Sakramentshaus ist das Behältnis des unter der Gestalt der Hostie bewahrten Leibes Christi. Seine zum Himmel steigende Turmform drückt die Erhebung der Seele aus; die gemeißelten Passionsszenen erinnern an das Opfer, das die Hostie fortsetzt. Doch das wahre Geheimnis des Werks ist das Selbstbildnis Krafts: nichts im Vertrag sah es vor. Indem er sich selbst kniend, sein Sakramentshaus mit seinem Werkzeug tragend, bildete, bekräftigt der Künstler seine Gegenwart und seinen Schöpferstolz — eine aufschlussreiche Geste einer Zeit, in der der Künstler von Italien bis Deutschland aufhört, ein bloßer namenloser Handwerker zu sein.

Warum dieses Werk zählt

Weil es der technische Gipfel der spätgotischen Sandsteinbildnerei ist: niemand hat aus Stein ein so hohes und so feines Spitzenwerk gemacht. Weil es mit seinem Selbstbildnis eine Wende im Künstlerselbstbewusstsein markiert, an der Schwelle der nordischen Renaissance. Und weil es im Chor von St. Lorenz mit dem Englischen Gruß und dem Kruzifix von Stoß eines der außerordentlichsten In-situ-Ensembles der deutschen Kunst um 1500 bildet.

Das Sakramentshaus lädt schließlich dazu ein, über die Lage des Künstlers an der Schwelle der Renaissance nachzudenken. Indem er sich selbst kniend und sein Werk tragend bildet, tut Adam Kraft mehr als signieren: er inszeniert sich als Schöpfer, in einer Zeit, in der sich — von Dürer, der seine Selbstbildnisse malt, bis zu den italienischen Meistern, die den Adel ihrer Kunst beanspruchen — der Status des Malers und des Bildhauers wandelt. Der Steinmetz ist kein bloßer namenloser Ausführender mehr: er wird zu einer Gestalt, deren Name und Gesicht die Nachwelt verdienen. Dass diese Geste am Fuß eines eucharistischen Monuments steht und das ganze heilige Bauwerk sinnbildlich stützt, verleiht ihr eine zusätzliche Tragweite: der Künstler stellt sich demütig als Diener des göttlichen Werks dar und behauptet zugleich, dass kein göttliches Werk ohne die Hand des Menschen aufsteigt. Selten sind Stolz und Demut des Schöpfers mit solcher Kraft gesagt worden.

Siehe auch