In einer bescheidenen Kirche im Taubertal erhebt sich ein neun Meter hohes Retabel ohne Gold und Farbe: nur ungefasstes Lindenholz, in dem das Licht genügt, um die Gesichter zu beleben. Um 1505-1510 von Tilman Riemenschneider geschnitten, ist der Marienaltar von Creglingen einer der Gipfel der deutschen Bildhauerei.
Was man sehen sollte
Die Mittelszene zeigt die Aufnahme Mariens: Maria, die Hände gefaltet, wird in den Himmel aufgenommen, während die zwölf Apostel, um ihr leeres Grab versammelt, mit ihren Gesichtern Staunen und Sammlung ausdrücken. Darüber, im Gesprenge, wird Maria zwischen Gottvater und Sohn gekrönt. Die mit geschnitzten Szenen versehenen Flügel entfalten den Zyklus ihres Lebens: Verkündigung, Heimsuchung, Geburt, Darbringung im Tempel. Doch was zuerst auffällt, ist das Fehlen der Farbe: das Retabel ist monochrom, aus kaum getöntem, ungefasstem Holz. Beachten Sie dann die Gesichter — nachdenklich, melancholisch, verinnerlicht — und die langen, feinen Hände: es sind die Handschriften Riemenschneiders. An manchen Sommertagen durchquert ein Sonnenstrahl die Kirche und erleuchtet die Jungfrau: die Einwohner sprechen von einem „Lichtwunder".
Geschichte
Tilman Riemenschneider (um 1460-1531), in Würzburg ansässig, wo er auch Ratsherr und Bürgermeister war, beherrschte die fränkische Bildhauerei über drei Jahrzehnte. Er schuf den Creglinger Altar um 1505-1510, kurz nach der Vollendung des Heilig-Blut-Altars von Rothenburg. Die Creglinger Kirche, die Herrgottskirche, war ein Wallfahrtsort, der der Überlieferung nach aus der wunderbaren Auffindung einer Hostie auf einem Feld entstand. Im Taubertal gelegen, gehört sie zum fränkischen Kern, heute an der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg, derselben Kunstwelt wie Rothenburg und Würzburg. Das Retabel entging den Zerstörungen der Reformation und kam unversehrt auf uns.
Symbole und Geheimnisse
Das Programm ist marianisch: es feiert Maria von der Verkündigung bis zu ihrer himmlischen Krönung, über ihre Aufnahme, das Herz des Retabels. Das große Geheimnis des Werks ist ästhetisch: Riemenschneider verzichtet auf die herkömmliche Fassung, die das Holz sonst mit Gold und lebhaften Farben bedeckte. Er lässt das Lindenholz nackt, begnügt sich mit einer leichten Lasur und überlässt die ganze Wirkung dem Licht und dem Modellieren. Diese Neuerung — das monochrome Retabel — verändert das Verhältnis zum Heiligen: weniger Glanz, mehr Innerlichkeit. Sie kündigt eine neue Empfindsamkeit an, in der die Schönheit aus dem Material selbst und aus dem Schweigen der Gesichter entsteht.
Warum dieses Werk zählt
Weil es eines der Meisterwerke Riemenschneiders und der gesamten deutschen Holzbildnerei ist. Weil es eine Revolution verkörpert: die des ungefassten Holzes, die Schule machte und die Ästhetik des Retabels im 16. Jahrhundert verwandelte. Und weil es in seinem bescheidenen Schrein im Taubertal eine seltene Erfahrung bietet: die einer verinnerlichten Spiritualität, in der allein das Licht dem hölzernen Stein Leben gibt.
Die Rezeptionsgeschichte des Retabels verdient Erwähnung. Lange galt die Kunst der deutschen Spätgotik den im klassischen Geschmack geschulten Kennern als barbarisch; Riemenschneider selbst geriet nach dem Bauernkrieg in Vergessenheit und wurde erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt, als die Romantik das germanische Mittelalter rehabilitierte. Da verstand man, dass die Entscheidung für das ungefasste Holz keine Unfertigkeit, sondern eine ästhetische Wahl ersten Ranges war, die mit ihrer Strenge weit spätere Empfindsamkeiten ankündigte. Der Creglinger Altar, an seinem Ort in einer bescheidenen Kirche des Taubertals geblieben, wurde zum Ziel einer künstlerischen Wallfahrt. Heute fügt er sich in einen wahren fränkischen Reiseweg, der Würzburg, Rothenburg, Münnerstadt und Creglingen verbindet: vier Stationen, an denen sich von Werk zu Werk das ganze Genie Tilman Riemenschneiders entfaltet.

