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Renaissance-Skulptur

Münnerstädter Altar

Münnerstädter Altar

1490 bestellt und 1492 vollendet, ist der Münnerstädter Altar das erste große dokumentierte Retabel Tilman Riemenschneiders. Sein Hauptstück, die von Engeln getragene Maria Magdalena, befindet sich heute im Bayerischen Nationalmuseum in München; das Ensemble ist auf München, Berlin und die Ursprungskirche verteilt.

Was man sehen sollte

Das Hauptstück ist die von ihren langen Haaren bedeckte, von sechs Engeln emporgetragene Maria Magdalena — eine Figur großer Sanftheit, in München bewahrt (Inv. MA 4094). In Berlin befinden sich die Vier Evangelisten und das Relief der Erscheinung Christi vor Maria Magdalena; in Münnerstadt blieben der heilige Kilian und die heilige Elisabeth, Relieftafeln und vier später von Veit Stoß gemalte Bilder zur Kilianslegende. Das entscheidende Merkmal dieses Retabels ist, dass Riemenschneider es ohne Fassung lieferte, in bloßem, nur gefirnisstem Holz: eine Neuerung, denn der geschnitzte Altar verzichtete nun auf Farbe und Gold des Malers und ruhte allein auf dem Stoff des Lindenholzes und der Feinheit des Meißels. Das Spiel der Schatten in den Vertiefungen des Holzes ersetzt den Glanz der Vergoldung.

Geschichte

Der Rat von Münnerstadt bestellte den Altar 1490; 1492 wurde er aufgerichtet. Die ungewöhnliche Wahl des unbemalten Holzes wurde wohl missverstanden, denn wenige Jahre später wurde Veit Stoß beauftragt, ihn zu fassen und Gemälde hinzuzufügen — eine berühmte Episode, die die beiden größten fränkischen Bildhauer mittelbar gegenüberstellt. Im Lauf der Jahrhunderte wurde das Retabel zerlegt und seine Teile auf München, Berlin und die Ursprungskirche verteilt, wo eine moderne Nachbildung eingerichtet wurde. Die Mittelfigur der Maria Magdalena gehört dem Bayerischen Nationalmuseum seit 1901, erworben aus der Sammlung Sattler. Diese Zerstreuung mindert den Rang des Werkes nicht.

Symbole und Geheimnisse

Die büßende Magdalena, nur in ihr langes Haar gehüllt und von sechs Engeln emporgetragen, bildet die Erlösung der Sünderin durch die Gnade: Das vom Haar bedeckte Fleisch spricht von Askese, die Erhebung von Vergebung. Die Wahl des bloßen Holzes, ohne Gold und Farbe, trägt selbst eine geistliche Dimension der Entäußerung. Die berühmteste Episode der deutschen Kunstgeschichte knüpft sich daran: In bloßem Holz geliefert, wurde das Retabel wenige Jahre später Veit Stoß zur Fassung anvertraut — zwei Meister mittelbar gegenübergestellt. Das Spiel der Schatten in den Vertiefungen des Holzes ersetzt den Glanz der Vergoldung und schafft eine nüchterne, innere Rührung.

Warum dieses Werk zählt

Münnerstadt markiert den Auftritt Riemenschneiders und die Erfindung des monochromen Retabels, das in Rothenburg und Creglingen seine Signatur werden sollte. Die Zerstreuung des Ensembles mindert seinen Rang als Markstein nicht: Hier entschied sich die deutsche Skulptur zum ersten Mal in diesem Maßstab, auf die Farbe zu verzichten und allein auf Stoff und Meißel zu ruhen. Die Münchner Maria Magdalena bleibt ihr ergreifendster Zeuge.

Siehe auch