Jakob Sandtner — objet_art, 1570. Bayerisches Nationalmuseum, München (DE).
Kontext
Zwischen 1568 und 1574 erhält der in Straubing ansässige Drechsler Jakob Sandtner von Herzog Albrecht V. von Bayern den Auftrag, Modelle der fünf Residenzstädte des Herzogtums anzufertigen: Straubing, München, Landshut, Ingolstadt und Burghausen. Das 1570 vollendete Modell von München gehört zu dieser einzigartigen Reihe. Es fügt sich in die Kultur der fürstlichen Sammlungen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein, in der sich Wissen, Herrschaft über das Territorium und die Freude an kostbaren Objekten verbinden. Das Modell ist kein bloßes Zierstück: Es gibt dem Fürsten eine vollständige Schrägansicht seiner Hauptstadt, Gebäude für Gebäude. Aus Lindenholz geschnitten, einem weichen und präzisen Material, gibt es die Stadt mit bemerkenswerter Treue wieder. Heute im Bayerischen Nationalmuseum München bewahrt, bildet es zusammen mit den übrigen Modellen Sandtners ein Ensemble, das als weltweit einzigartig für die Dokumentation der bayerischen Städte jener Zeit gilt.
Bedeutung
Das Modell hält den Zustand Münchens um 1570 fest, als die Stadt noch weitgehend ihr mittelalterliches Gepräge bewahrt. Es gilt heute als ein Dokument von außergewöhnlicher Genauigkeit: Straßen, Befestigungen, Kirchen und Häuser sind in ihren Proportionen und Standorten wiedergegeben. Für den Fürsten war es ein Instrument des Wissens und des Prestiges; für den Historiker ist es eine nahezu beispiellose Quelle zum bayerischen Städtebau der Renaissance.
Bemerkenswerte Elemente
Aus Lindenholz geschnitten, erreicht das Modell beinahe zwei Meter Seitenlänge und bietet eine Aufsicht auf die gesamte Stadt. Jeder Häuserblock, jeder Turm, jedes Dach ist einzeln gestaltet; Stadtmauer, Tore und Straßennetz sind auf einen Blick lesbar. Die Feinheit der Dreh- und Schnitzarbeit in verkleinertem Maßstab bezeugt das Können eines im Holz geübten Handwerkers.
Symbolik
Seine Hauptstadt im verkleinerten Modell zu halten, heißt für den Fürsten, seine Herrschaft über das Territorium und seinen überlegenen Blick auf die Stadt zu bekräftigen. Das Modell bezeugt die neue Verbindung der Renaissance zwischen Macht und genauer Darstellung des Raums: Regieren heißt auch kennen und vermessen.
Geheimnisse und Rätsel
Der genaue Maßstab des Modells schwankt je nach Vermessung und bleibt umstritten; die Quellen setzen ihn in einer Spanne um etwa eins zu sechshundertfünfzig an. Aufeinanderfolgende Restaurierungen können einzelne Oberflächendetails verändert haben.
Analyse der Emotionen
Das Modell fasziniert durch seinen doppelten Charakter: Kunstwerk und Zeitmaschine zugleich. Man erkennt eine verschwundene Stadt, jene vor den barocken Umbauten, und empfindet das kindliche Vergnügen, mit dem Blick über einzeln geschnitzte Dächer zu schweben.
Führungstext
Betrachten Sie den Maßstab des Ganzen: beinahe zwei Meter Seitenlänge für eine ganze Stadt, auf Augenhöhe verkleinert. Suchen Sie die Stadtmauer und ihre Tore, folgen Sie dann dem Verlauf der Straßen: Sie sehen München, wie man es um 1570 durchschreiten konnte, vor den großen Umgestaltungen der folgenden Jahrhunderte. Bedenken Sie, dass dieses Modell nicht allein zum Vergnügen entstand, sondern damit ein Fürst seine Hauptstadt mit einem Blick umfasse, Haus für Haus.
Anekdote
Das Modell von München steht nicht allein: Jakob Sandtner schuf für Herzog Albrecht V. eine Reihe von Modellen der fünf bayerischen Residenzstädte, ein Unternehmen ohne bekanntes Gegenstück seiner Zeit.

