Mitten im Schiff des Bamberger Doms ruht ein gekröntes Steinpaar: Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde, beide heiliggesprochen. Zwischen 1499 und 1513 von Tilman Riemenschneider gemeißelt, zählt dieses Grabmal zu den Gipfeln deutscher Bildhauerkunst an der Schwelle zur Renaissance.
Was man sehen sollte
Zuerst fällt die große Deckplatte ins Auge: zwei lebensgroße Liegefiguren, gekrönt, mit ruhenden Händen, der Faltenwurf in tiefen Zügen, die das Licht einfangen. Doch das Werk erschließt sich erst im Umschreiten des Blocks. Die vier Seiten tragen fünf erzählende Reliefs aus der Legende des Kaiserpaares: die wunderbare Heilung des am „Steinleiden" erkrankten Kaisers, die Wägung seiner Seele nach dem Tod, sein Sterben in Gegenwart Kunigundes, die Kaiserin beim Kirchenbau vor unzufriedenen Arbeitern und vor allem die Pflugscharenprobe, bei der Kunigunde barfuß über glühendes Eisen schreitet, um ihre Unschuld zu beweisen. Jede Szene ist wie ein kleines Theater ausdrucksstarker Figuren gestaltet.
Geschichte
Heinrich II. (973-1024), letzter Kaiser der ottonischen Dynastie, gründete 1007 das Bistum Bamberg und überhäufte die Stadt mit Schenkungen. 1146 heiliggesprochen, folgte ihm Kunigunde auf die Altäre, kanonisiert 1200. Um 1500 wollte das Domkapitel dieses heilige Paar mit einem seines Kultes würdigen Grab ehren und übertrug den Auftrag Tilman Riemenschneider, dem damals auf dem Höhepunkt seines Ruhms stehenden Würzburger Bildschnitzer. Die Arbeit zog sich von 1499 bis 1513. Riemenschneider erhielt mindestens 307 Gulden, die höchste Vergütung seiner gesamten Laufbahn – ein Beleg für die Bedeutung des Monuments. Später wurde das Grab mehrfach im Dom versetzt, bevor es 1971 seinen heutigen Platz am Ostende des Mittelschiffs fand.
Symbole und Geheimnisse
Das Bildprogramm lenkt den Blick von der Macht auf das Heil. Der Kaiser erscheint nicht als Krieger, sondern als Seele, die in der Waage des heiligen Michael gewogen wird, während der heilige Benedikt ihn heilt. Die Pflugscharenprobe überträgt ein mittelalterliches Gottesurteil in Stein: Die angezweifelte Treue der Gattin wird durch das Feuer bewiesen. Das Relief der Kirchenbaustelle mit widerspenstigen Arbeitern bringt einen fast sozialen Ton ein, selten an einem Kaisermonument, und erinnert daran, dass Heiligkeit auch in Mühsal und Geduld erworben wird. Überall bevorzugt Riemenschneider Zurückhaltung: keine prunkende Vergoldung, sondern der nackte, dem Licht überlassene Stein.
Warum dieses Werk zählt
Das Kaisergrab markiert den Übergang vom gotischen Liegebild zum erzählenden Relief der frühen deutschen Renaissance. Es bündelt die ganze Kunst Riemenschneiders: Gesichter von meditativer Sanftheit, ein feines Gespür für Gewänder, eine klare und menschliche Erzählweise. Es festigt Bamberg als dynastisches Heiligtum des Heiligen Römischen Reiches und gehört zu den ehrgeizigsten Grabmälern, die um 1500 nördlich der Alpen entstanden. Für den heutigen Besucher ist es eine in marmorfeinen Kalkstein gehauene Seite kaiserlicher Geschichte und fränkischer Frömmigkeit.
Man muss auch ermessen, was das Werk über seinen Urheber aussagt. Tilman Riemenschneider, um 1460 geboren, wurde in Würzburg zu einem der wohlhabendsten Bildhauer des Reiches, Leiter einer großen Werkstatt und später Bürgermeister seiner Stadt; seine Laufbahn endete tragisch nach dem Bauernkrieg von 1525, als ihm die Unterstützung der Aufständischen Ungnade und Folter eintrug. Das Kaisergrab gehört seiner vollen Reife an, zwischen dem Ende des 15. und dem Beginn des 16. Jahrhunderts, als er Lindenholz und Stein gleichermaßen beherrschte. Die Wahl eines feinen, marmorähnlichen Kalksteins erlaubte ihm, an Zartheit mit Alabaster-Liegefiguren zu wetteifern. Schließlich ist das Grab nicht nur ein Kunstwerk: Es birgt das Gedächtnis eines Paares, dessen Kult Pilger anzog und Bamberg zu einem geistlichen Zentrum Frankens machte. Reliquien, Legende und Kunst verbinden sich darin, um an der Schwelle zur Renaissance das dauerhafte Bild einer kaiserlichen Heiligkeit festzuhalten.

