Der Bildhauer Veit Stoß schuf 1522 nach einem Entwurf Albrecht Dürers diesen Geweihleuchter mit einem dreiköpfigen Drachen. Er vereint an einem Prunkmöbel die beiden größten Namen der Nürnberger Renaissance. Er stammt aus der Regimentsstube des Nürnberger Rathauses und wird im Germanischen Nationalmuseum bewahrt (Inv. HG68).
Was man sehen sollte
Das Stück gehört zum Typus des Geweihleuchters, einer in den Prunkräumen Süddeutschlands verbreiteten Zierform, hier jedoch zu seltener Erfindungskraft gesteigert. Ein geschnitzter Drachenkörper mit drei Hälsen entfaltet seine Köpfe, jeder mit anderer Oberflächenbehandlung, aufgesetzt auf Hirschgeweihe, die die Arme des Leuchters bilden. Geschnitztes Lindenholz, natürliche Geweihstangen und eiserne Teile sind vergoldet und teils bemalt, sodass das Wesen zugleich Jagdtrophäe und Wappentier scheint. Das Ganze spielt mit der Zweideutigkeit von Natur und Kunst, vom rohen Stoff des Geweihs zur Virtuosität des Meißels. Im Saal der städtischen Regierung aufgehängt, bekundete es Macht und Verfeinerung der Reichsstadt.
Geschichte
Die Zusammenarbeit ist bemerkenswert: Dürers Entwurfszeichnung wird in Konstanz (Wessenberg-Galerie) bewahrt, während die Ausführung Veit Stoß zufiel, dem großen Nürnberger Bildschnitzer, seit 1496 aus Krakau zurück. Zwei der größten Namen der deutschen Renaissance sind so an einem Stück städtischen Mobiliars vereint, ein Zeichen des Ansehens, das Nürnberg seiner Ratsstube beimaß. Der Geweihleuchter, beladen mit Anklängen an Adel und Jagd, war ein Standeszeichen; solchen Künstlern anvertraut, wurde er zum vollwertigen Kunstwerk. Im Germanischen Nationalmuseum bezeugt er den Dialog zwischen Zeichnung und Skulptur und die Lebenskraft des Kunsthandwerks im Nürnberg des frühen 16. Jahrhunderts.
Symbole und Geheimnisse
Der Geweihdrache verdichtet zwei Sprachen: die Jagdtrophäe als Zeichen des Adels und der Naturbeherrschung und das Wappentier, das die Macht der Stadt verkündet. Über der Ratsstube hängend, machte das Stück die Stadtregierung zum sinnbildlichen Bezwinger des Ungeheuers. Das eigentliche Rätsel bleibt die Rollenverteilung: Die Zeichnung trägt Dürers Hand, doch der genaue Anteil des Malers und des Bildhauers am fertigen Stück lässt sich kaum scheiden. Jeder der drei Köpfe erhielt eine andere Oberfläche, ein Detail, das sich erst beim Umschreiten erschließt. Der lebendige Stoff des Geweihs verschmilzt mit dem Tier, sodass der Blick zwischen Faszination und Unbehagen schwankt.
Warum dieses Werk zählt
Das Werk erhebt das städtische Mobiliar zum Hauptwerk und bezeugt den Rang des Kunsthandwerks in der deutschen Renaissance: Das Ansehen einer Stadt sprach sich auch in ihren Prunkmöbeln aus, in denen sich der Entwurf des Malers und der Meißel des Bildhauers vereinten. Dass ein bloßer Leuchter Dürer und Stoß zusammenführte, zeigt den künstlerischen Anspruch Nürnbergs, in dem Natur und Kunst, Zeichnung und Skulptur, Macht und Verfeinerung einander bis in die Gegenstände des Regierungsalltags antworteten.

