Ernste Mutter mit ovalem Gesicht, hingegebenes Kind an ihrer Seite: Diese Maria aus Lindenholz, um 1520 aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders hervorgegangen, führt im Germanischen Nationalmuseum das beliebteste Andachtsmotiv der ausgehenden deutschen Gotik fort.
Was man sehen sollte
Die Jungfrau steht aufrecht, das Kind auf einem Arm, in einer Komposition von Gleichgewicht und Zärtlichkeit. Das mütterliche, ovale und kaum lächelnde Gesicht senkt den Blick leicht: Es ist die nachdenkliche Melancholie, die Riemenschneiders Marien eigen ist. Der Mantelfaltenwurf fällt in weiten, tiefen, vom Licht belebten Falten herab. Das Kind, von rundlicher, weicher Modellierung, schmiegt sich an oder segnet, je nach Variante. Das Holz ist nackt belassen oder kaum getönt, ohne Vergoldung, sodass der Werkstoff den Ausdruck trägt. Man steht vor einem Werk, das für das Gebet geschaffen wurde, auf Augen- und Herzenshöhe.
Geschichte
Die Maria mit Kind war das meistgefragte Thema der deutschen Frömmigkeit am Ende des Mittelalters. In seiner Würzburger Werkstatt schuf Tilman Riemenschneider, einer der angesehensten Bildhauer Deutschlands und sogar Bürgermeister seiner Stadt, davon zwischen 1500 und 1525 zahlreiche Fassungen. Die starke Nachfrage erklärt, dass viele das Ergebnis kollektiver Arbeit sind, von seinen Mitarbeitern unter seiner Leitung und nach seinen Modellen ausgeführt. Diese Maria, aus Lindenholz geschnitten, wird im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg bewahrt, das ein bedeutendes Ensemble von Werken des Meisters und seines Kreises vereint.
Symbole und Geheimnisse
Das Kind darzubieten heißt, das Heil darzubieten: Maria ist der „Thron der Weisheit", und das Christuskind trägt schon die Ankündigung des Opfers. Riemenschneiders Marien zeichnen sich durch Zurückhaltung aus: keine Süßlichkeit, sondern ein sanfter Ernst, in dem die mütterliche Freude von der Ahnung der Passion durchzogen ist. Die Wahl des nackten Holzes, für den Meister in seinen späten Jahren charakteristisch, stellt das Werk in eine schlichte Spiritualität, fern vom Glanz des Goldes. Die Zugehörigkeit zur Werkstatt mindert das Werk nicht, sondern erhellt das Wirken eines großen künstlerischen Unternehmens, das den Stil des Meisters in ganz Franken verbreitete.
Warum dieses Werk zählt
Diese Maria mit Kind veranschaulicht die dauerhafte Ausstrahlung Riemenschneiders, dessen Art – in sich gekehrte Gesichter, ruhige Gewänder, ungefasstes Holz – zum regionalen Vorbild wurde. Sie zeigt auch, wie eine Renaissance-Werkstatt die Serienproduktion organisierte, ohne die Qualität zu opfern. Bewahrt im Germanischen Nationalmuseum, führt sie am Vorabend der Reformation, die die sakrale Kunst umwälzen sollte, das intimste und beliebteste Motiv der deutschen Frömmigkeit fort.
Dieser historische Zeitpunkt verleiht dem Werk eine besondere Resonanz. Um 1520 veröffentlichte Luther seine Schriften; ein Jahrzehnt später gingen zahlreiche Städte Süddeutschlands, darunter Nürnberg, zur Reformation über, und die Verehrung der Bilder, besonders der Marienstatuen, wurde angefochten. Viele Madonnen wurden aus den Kirchen entfernt oder gar zerstört; andere, wie diese, überlebten, indem sie in Privatsammlungen und dann in Museen wanderten. Die Maria mit Kind aus Riemenschneiders Werkstatt gehört also der letzten Generation eines tausendjährigen Typus an, kurz vor seiner Infragestellung. Sie bewahrt die andächtige Intensität des ausgehenden Mittelalters und kündigt zugleich durch ihre Schlichtheit eine weniger prunkorientierte Kunst an. Für den Historiker ist sie ein kostbarer Zeuge des Augenblicks, in dem die sakrale Bildhauerei einen Gipfel innerer Verfeinerung erreichte, gerade als ihre Zukunft ungewiss wurde.
