In den Sälen des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg steht eine Fürstin ohne Prunk: die heilige Elisabeth von Thüringen, um 1510 von Tilman Riemenschneider in Lindenholz geschnitten. Mit ernstem Gesicht und verhaltener Geste verkörpert sie die fleischgewordene Mildtätigkeit.
Was man sehen sollte
Die Heilige erscheint stehend, in einen weiten Mantel gehüllt, dessen Falten in langen Kaskaden herabfallen. Das ovale Gesicht mit schweren Lidern und gesenktem Blick ist typisch für Riemenschneider: eine nachdenkliche, fast melancholische Schönheit. Die fein modellierten Hände ziehen den Blick an. Das Holz ist nackt belassen oder kaum getönt, ohne die grelle Vergoldung der Spätgotik: Der warme, weiche Werkstoff selbst trägt den Ausdruck. Man steht vor einem Andachtswerk, geschaffen, um lange und schweigend betrachtet zu werden.
Geschichte
Elisabeth von Thüringen (1207-1231), Tochter König Andreas' II. von Ungarn, heiratete den Landgrafen Ludwig IV. und führte nach ihrer frühen Witwenschaft ein Leben des Verzichts im Dienst der Armen und Kranken, wobei sie in Marburg ein Hospital gründete. Mit vierundzwanzig Jahren gestorben, wurde sie schon 1235 heiliggesprochen und zu einer der meistverehrten Heiligen Mitteleuropas. Um 1500-1515 fertigte Riemenschneiders Werkstatt in Würzburg für ganz Franken Heiligenfiguren für Altäre und private Andacht. Diese Elisabeth, heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg unter der Inventarnummer Pl.O.2413 bewahrt, gehört zu diesem Bestand; das Museum hat sie untersucht und restauriert.
Symbole und Geheimnisse
Die Ikonographie Elisabeths kreist um das Geben: die Krone, die sie zu tragen verzichtet, die Armen, die sie speist, mitunter die Rosen des berühmten Wunders, bei dem das versteckte Brot sich in Blumen verwandelte. Riemenschneider nimmt all dem den Pomp: kein Thron, keine Majestät, sondern eine in sich gekehrte Frau. Die für den Meister in seinen späten Jahren charakteristische Entscheidung, das Lindenholz nackt zu lassen, lädt dazu ein, Heiligkeit als Demut zu lesen: Das Licht gleitet über das Holz ohne den trügerischen Glanz des Goldes. Diese Schlichtheit ist selbst eine geistliche Botschaft.
Warum dieses Werk zählt
Die heilige Elisabeth veranschaulicht die reife Art Riemenschneiders, die seinen Ruhm begründete: verinnerlichte Figuren, ein Faltenwurf von ruhiger Musikalität, der Verzicht auf Fassung zugunsten des nackten Holzes. Sie bezeugt den Übergang in Franken von einer vergeistigten Spätgotik zu den ersten Schimmern der Renaissance. Bewahrt in einem der reichsten Ensembles von Werken des Meisters, im Germanischen Nationalmuseum, bleibt sie ein Referenzstück für das Verständnis der deutschen Bildhauerkunst um 1500 und für das Fortdauern des Kultes einer zugleich fürstlichen und zutiefst demütigen Heiligen.
Es ist aufschlussreich, diese Figur in die große Reihe der heiligen Frauen zu stellen, die die Würzburger Werkstatt schuf. Elisabeth steht dort neben den Marien, den Magdalenen und den heiligen Märtyrerinnen, alle vom selben physischen Typus geprägt: ovales Gesicht mit sanften Wangenknochen, schwere Lider, kleiner Mund, von Melancholie verschleierter Blick. Diese stilistische Einheit war keineswegs Bequemlichkeit, sondern entsprach einem Bedürfnis nach intimer Andacht: Der Gläubige sollte in jeder Heiligen dieselbe mitfühlende Menschlichkeit erkennen können. Der Verzicht auf die Fassung, eine radikale Entscheidung für die Zeit, zwang den Betrachter, den Ausdruck allein aus der Modellierung zu lesen, ohne die Hilfe von Farbe oder Gold. Lange hat man sich diese Figuren in lebhaften Farben gefasst vorgestellt; die neueren Forschungen, darunter die am Germanischen Nationalmuseum zu dieser Elisabeth durchgeführten, haben dagegen die ästhetische Stimmigkeit des vom Meister gewollten nackten Holzes gezeigt. Die Heilige ist einer ihrer besten Zeugen.

