Ein Erzengel führt einen Jüngling an der Hand, und ihre Gewänder scheinen schon unterwegs. 1516 von Veit Stoß aus Lindenholz geschnitten, wurde diese Gruppe von seltener Zärtlichkeit von einem heimwehkranken Florentiner Kaufmann bestellt. Heute ist sie einer der Schätze des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.
Was man sehen sollte
Zwei Figuren schreiten miteinander: der geflügelte Erzengel Raphael und der kleinere junge Tobias, dessen Hand er hält. Zuerst fesseln die Gewänder den Blick. Stoß erreicht hier einen Höhepunkt: die Falten sind dünn wie Klingen, frei, aufgeworfen, vom Körper gelöst, sodass man vergisst, dass es Holz ist. Diese schwebende Behandlung legt Bewegung nahe, das Gehen, fast den Wind der Reise. Die Gesichter sind sanft, der Engel schützend und ernst, das Kind vertrauensvoll. Man suche den Fisch, Attribut des Tobias, dessen Galle und Herz in der biblischen Erzählung die Blindheit des Vaters heilen. Das für die Rundansicht gedachte Ganze ist eine freistehende Skulptur, kein Relief: man muss es umschreiten, um die Kunst von Gleichgewicht und Rhythmus zu erfassen.
Geschichte
Zwischen 1515 und 1520 arbeitete Veit Stoß für Raffaele Torrigiani, einen reichen Florentiner Kaufmann in Nürnberg, der Handelsdrehscheibe zwischen Italien, Flandern und Mitteleuropa. Der Kaufmann wünschte ein Motiv aus seiner Heimat: der Engel Raphael, der Tobias führt, war in der Toskana ein gern nach glücklicher Geschäftsreise gestiftetes Votivbild. Stoß lieferte die Gruppe 1516, in voller Reife, rund zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr aus Krakau. Das Werk stand ursprünglich in der Dominikanerkirche Nürnbergs; nach deren Untergang gelangte die Gruppe in die Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums, des größten kulturgeschichtlichen Museums des deutschsprachigen Raums, 1852 in der ehemaligen Kartause der Stadt gegründet.
Symbole und Geheimnisse
Der Stoff stammt aus dem Buch Tobit: der Erzengel Raphael schützt als Weggefährte den jungen Tobias auf seiner Reise und lehrt ihn das Mittel, das den Vater heilt. Es ist das Bild der Vorsehung schlechthin, die den Reisenden begleitet — daher sein Erfolg bei Kaufleuten. Torrigianis Auftrag macht die Gruppe zu einem Zwitterwerk: italienische Frömmigkeit, gegossen in die Sprache der deutschen Spätgotik. Auch der ferne Nachhall italienischer Formen, denen Stoß schon in Krakau begegnet war, klingt im Einklang der beiden schreitenden Körper an.
Warum dieses Werk zählt
Weil es Veit Stoß auf dem Gipfel seiner Holzbildnerei zeigt: nirgends ist die Freiheit der Gewänder, jene die Materie verleugnende Handschrift, spektakulärer. Weil es sodann die internationale Dimension Nürnbergs um 1516 bezeugt, wo ein Florentiner bei einem deutschen Meister ein Bild seiner eigenen Heimat bestellen konnte. Und schließlich, weil es den Untergang seiner Ursprungskirche überdauert hat: im Germanischen Nationalmuseum bewahrt, bleibt es als eines der reinsten Meisterwerke der nordischen Renaissance zugänglich.
Über seine Schönheit hinaus erhellt die Gruppe die besondere Stellung Nürnbergs im Europa um 1500. Als Freie Reichsstadt, Drehscheibe zwischen Italien, Flandern und dem Osten, zog sie Kaufleute, Humanisten und Künstler an; dort verbreitete Dürer, von seinen venezianischen Reisen zurück, die neuen Ideen. Dass ein Florentiner Kaufmann wie Torrigiani dort bei Veit Stoß ein Bild seiner heimatlichen Frömmigkeit bestellen konnte, fasst diesen Umlauf von Menschen, Waren und Formen zusammen. Das Motiv des Tobias, Patron der Reisenden und der glücklichen Geschäfte, passte vollkommen zu diesem Umfeld. Nach dem Untergang der Dominikanerkirche im Germanischen Nationalmuseum bewahrt, bleibt die Gruppe ein bevorzugter Zeuge dieses Dialogs zwischen Süddeutschland und Italien und der Fähigkeit von Stoß, einen fremden Auftrag aufzunehmen, ohne etwas von seiner eigenen Art zu verlieren.

