HitsMap

Renaissance-Skulptur

Der Nürnberger Kreuzweg: sieben Steine auf dem Weg der Passion

Der Nürnberger Kreuzweg: sieben Steine auf dem Weg der Passion

Vom Pilatushaus bis zum Johannisfriedhof markieren sieben große Sandsteinreliefs einen Aufstieg zum Kalvarienberg quer durch die Stadt. Als Werk Adam Krafts ist dieser Kreuzweg einer der ältesten erhaltenen im deutschsprachigen Raum — und einer der ergreifendsten geschnittenen Wege des Spätmittelalters.

Was man sehen sollte

Der Kreuzweg ist kein Werk, das man auf einen Blick betrachtet: man geht ihn ab. Sieben Stationen, entlang eines städtischen Weges verteilt, zeigen die Episoden des Aufstiegs Christi nach Golgatha. Jedes Sandsteinrelief ist eine dichte, von Figuren bevölkerte Szene mit Gesichtern und Gesten, die mit jener realistischen Schärfe beobachtet sind, die Kraft eigen ist. Man findet dieselbe konkrete Menschlichkeit wie im Schreyer-Landauer-Epitaph: Schergen, Soldaten, fromme Frauen, Menge. Achtung: was man heute entlang der Straße sieht, sind Kopien; die Originale wurden gesichert — die meisten im Germanischen Nationalmuseum, die Kalvariengruppe im Heilig-Geist-Spital, die Grablegung in der Holzschuherkapelle am Johannisfriedhof.

Geschichte

Der Weg verband das Pilatushaus nahe dem Tiergärtnertor und dem Dürerhaus mit dem Johannisfriedhof, dem großen Friedhof vor den Mauern. Mit seinen sieben Stationen — und nicht vierzehn wie die späteren Kreuzwege — gehört er einer alten Form dieser Andacht an; er ist überdies einer der ältesten erhaltenen Kreuzwege des deutschsprachigen Raums. Die Datierung ist umstritten: lange um 1505-1508 angesetzt, könnten die Reliefs neueren Untersuchungen am Germanischen Nationalmuseum zufolge weit höher hinaufreichen, um 1487-1490, und so zu den Jugendwerken Krafts zählen. Im 20. Jahrhundert wurden die fragilen Originale auf der Straße durch Kopien ersetzt.

Symbole und Geheimnisse

Der Kreuzweg bietet eine wandernde Andacht: der Gläubige geht, hält an jeder Station, betrachtet eine Episode der Passion und vollzieht so leiblich den Gang Christi zum Tod nach. Die Stadt wird Jerusalem, die Straße wird Via Dolorosa. Das Geheimnis des Weges liegt in seiner symbolischen Geographie: er mündet im Johannisfriedhof, wo heute Albrecht Dürer und Veit Stoß ruhen. Der Weg der Passion durchquert so das Viertel und die Ruhestätte der größten Künstler Nürnbergs, als gäben sich Kunst und Tod dort ein Stelldichein.

Warum dieses Werk zählt

Weil es einer der ältesten erhaltenen Kreuzwege Deutschlands und ein Markstein der Geschichte dieser Andacht ist. Weil es in sieben Bildern die erzählende Kunst Adam Krafts auf ihrem Höhepunkt zeigt. Und weil seine Erhaltungsgeschichte — Originale im Museum, Kopien auf der Straße — eine stets aktuelle Denkmalfrage veranschaulicht: wie schützt man ein für das Freie geschaffenes Meisterwerk, ohne es von seinem Ort zu trennen.

Der Kreuzweg stellt schließlich eine bis heute aktuelle Frage: wie bewahrt man eine für die Straße geschaffene Kunst? Fünf Jahrhunderte lang Frost, Regen und Umweltbelastung ausgesetzt, wären die originalen Stationen zerbröckelt, hätte man sie nicht gesichert; sie aber ins Museum zu bringen, heißt, sie von dem Weg zu trennen, der ihnen Sinn gibt. Die Nürnberger Lösung — geschützte Originale, Kopien am Ort — veranschaulicht einen für das ausgesetzte Erbe gängig gewordenen Kompromiss, von den Portalen der Kathedralen bis zu den Brunnen der Plätze. Der heutige Spaziergänger geht so in den Spuren der einstigen Pilger, vor getreuen Nachbildungen, während die Reliefs von Krafts eigener Hand im Germanischen Nationalmuseum zu betrachten sind. Dieser Doppelstatus verrät das Werk nicht, sondern verlängert sein Leben: er erlaubt zugleich, es zu retten und weiterhin abzuschreiten, wie es sein Schöpfer wollte.

Siehe auch