In der Maximilianstraße, nahe dem Moritzplatz, scheint ein geflügelter Gott zum Flug bereit: Merkur, Bote der Götter und Patron der Kaufleute. Von Adriaen de Vries modelliert und zwischen 1596 und 1599 gegossen, ist der Brunnen der zweite der drei Augsburger Prachtbrunnen.
Was man sehen sollte
Merkur erhebt sich an der Spitze des Brunnens, nackt, der Körper in einer spiraligen Haltung von ganz manieristischer Eleganz gespannt. Die Flügelchen an seinen Füßen und seinem Hut (dem Petasus), der Caduceus in der Hand, machen ihn sogleich kenntlich. Die Figur im dynamischen Gleichgewicht scheint zwischen Himmel und Erde zu schweben, von einer aufsteigenden Bewegung beseelt. Die dunkle Bronze fängt das Licht auf den langgestreckten Muskeln und den polierten Oberflächen. Was man heute auf dem Platz sieht, ist eine Kopie: Das restaurierte Original wird seit 2000 im Maximilianmuseum bewahrt.
Geschichte
Ermutigt durch den Erfolg des Augustusbrunnens, wollte Augsburg die Ausschmückung seiner großen Prachtstraße fortsetzen. Es wandte sich an Adriaen de Vries, einen niederländischen Bildhauer, der sich in Italien in der Werkstatt Giambolognas, des florentinischen Meisters der manieristischen Bronze, geschult hatte. De Vries lieferte das Modell des Merkurbrunnens, den der Augsburger Gießer Wolfgang Neidhardt zwischen 1596 und 1599 goss. Der Brunnen wurde nahe dem Moritzplatz entlang der Maximilianstraße aufgestellt und bildete mit dem Augustusbrunnen und bald dem Herkulesbrunnen ein in ganz Europa berühmtes Trio.
Symbole und Geheimnisse
Die Wahl Merkurs ist keineswegs zufällig: Als Gott des Handels, des Austauschs, der Reisenden und der Boten ist er das vollkommene Sinnbild Augsburgs, der Metropole der großen Handels- und Bankhäuser, der Fugger und Welser, deren Netze den Kontinent überzogen. Die Figur leitet sich unmittelbar vom fliegenden Merkur Giambolognas ab, einer der meistnachgeahmten Erfindungen der Spätrenaissance: der auf einem Hauch balancierende Gott, die spiralige Haltung, der aufsteigende Schwung. Indem Augsburg dieses Vorbild übernahm, reihte es sich in die italienische künstlerische Moderne ein und feierte zugleich seine eigene kaufmännische Bestimmung.
Warum dieses Werk zählt
Der Merkurbrunnen ist eines der ersten großen Werke des Adriaen de Vries, der später Hofbildhauer Kaiser Rudolfs II. in Prag und einer der größten manieristischen Bronzebildner Europas werden sollte. Er führt in Süddeutschland das internationale Vokabular Giambolognas ein und macht Augsburg zu einem Zentrum des großen Bronzegusses nördlich der Alpen. Als zweiter der drei Prachtbrunnen der Maximilianstraße verkörpert er, zwischen der Kaisermacht des Augustus und der Kraft des Herkules, den kaufmännischen Wohlstand, der die Größe der Stadt ausmachte.
Der Einfluss Giambolognas verdient Beachtung, denn er erhellt die Zirkulation der Formen im Europa der Spätrenaissance. Der um 1580 entworfene fliegende Merkur des florentinischen Meisters hatte sofortigen Erfolg und wurde durch kleinformatige Bronzen und Stiche bis in die nördlichen Höfe verbreitet. Indem Adriaen de Vries dieses Modell für einen öffentlichen Brunnen aufgriff, passte er eine Kabinetterfindung an den monumentalen Maßstab und den städtischen Raum an: Der leichte, zum Rundumblick geschaffene Gott wurde zum luftigen Wahrzeichen einer Handelsstraße. Diese Übertragung bezeugt den Ehrgeiz Augsburgs, das mit den großen Kunstmetropolen wetteifern wollte. Sie zeigt auch die Rolle der reisenden Künstler wie de Vries, eines in Italien geschulten, dann in Deutschland und Böhmen tätigen Niederländers, bei der Herausbildung einer wahrhaft internationalen manieristischen Sprache. Der Merkurbrunnen ist eines ihrer glücklichsten Beispiele nördlich der Alpen.

