Als Gegenstück zu Adam wachte die um 1491-1493 von Tilman Riemenschneider gemeißelte Eva über dem Südportal der Würzburger Marienkapelle. Ein weiblicher Akt von ernster Anmut, wird sie heute im Museum für Franken auf der Festung Marienberg bewahrt.
Was man sehen sollte
Eva steht aufrecht, das Gewicht auf eine Hüfte verlagert, das lange Haar am Körper herabfallend, eine Hand eine Strähne haltend. Der Bildhauer hat Bauch, Schenkel und Schultern mit einer Weichheit modelliert, die die Härte des Sandsteins vergessen lässt. Das leicht gesenkte Gesicht drückt nachdenkliche Scham aus statt Verführung. Als genaues Gegenstück zu Adam konzipiert, teilte sie mit ihm die Rahmung des sogenannten Marktportals unter dem Zeichen der Paradiespforte. Das Ensemble bildete eines der ehrgeizigsten Aktprogramme des damaligen Deutschland.
Geschichte
Um 1490 beauftragte der Würzburger Stadtrat Riemenschneider, den seit 1483 ansässigen Meister, mit dem Schmuck des Südportals der Marienkapelle, der großen bürgerlichen, der Jungfrau geweihten Hallenkirche. Adam und Eva, die Hauptfiguren des Programms, wurden um 1491-1493 vollendet. Es war einer der letzten großen kommunalen Aufträge für Portalplastik in der Kathedraltradition. Da die Witterung die Originale im Lauf der Jahrhunderte bedrohte, wurden sie abgenommen und im Museum auf der Festung Marienberg bewahrt; Kopien, 1975 von Ernst Singer gehauen, ersetzen sie seither am Bau.
Symbole und Geheimnisse
Eva, „Mutter der Lebenden", verkörpert die Menschheit an der Schwelle des Falls. Ihre Nacktheit gehört zur sakralen Sprache: Sie spricht von der verlorenen paradiesischen Unschuld, aber auch, im Kontrast, von der Verheißung der Erlösung durch die neue Eva, Maria, die Patronin der Kapelle. Das Urpaar an den Eingang einer Marienkirche zu stellen, hieß, den Gläubigen den ganzen Zyklus von Sünde und Erlösung in Erinnerung zu rufen. Der plastische Wagemut ist offenkundig: Der lebensgroße, allen Blicken dargebotene weibliche Ganzakt war im deutschen öffentlichen Raum um 1490 äußerst selten. Riemenschneider entfaltet hier eine aufmerksame, durch Idealisierung gemilderte Anatomiebeobachtung.
Warum dieses Werk zählt
Mit Adam gehört die Eva der Marienkapelle zu den allerersten großen Akten der deutschen Monumentalplastik. Sie zeigt die für Riemenschneider typische Synthese: ein strenges theologisches Programm, getragen von einer neuen Sensibilität für Körper und Innerlichkeit. Zu einem der Wahrzeichen Würzburgs geworden, ist sie heute eines der Schmuckstücke des Museums für Franken, das die umfangreichste Sammlung von Werken des Meisters bewahrt. Sie bleibt ein Maßstab für das Erblühen der Renaissance in Franken.
Über ihren ästhetischen Wert hinaus stellt die Eva eine Frage, die die ganze Kunst ihrer Zeit durchzieht: Wie lässt sich der weibliche Körper in einem sakralen Raum darstellen, ohne die christliche Scham zu verletzen? Riemenschneider antwortet darauf mit Idealisierung und Zurückhaltung und verleiht dem Fleisch einen ernsten Adel, der jede profane Lesart entschärft. Diese Lösung, in der die Schönheit der geistlichen Betrachtung dient, kündigt die Debatten an, die die Renaissance nördlich wie südlich der Alpen über den Akt und das Sakrale führen wird. Auch die materielle Geschichte der Figur ist bezeichnend: Jahrhundertelang am Portal Regen und Frost ausgesetzt, hat sie gelitten, daher ihre Bergung ins Museum und ihr Ersatz durch eine Kopie 1975. Dieses Schicksal, das so viele Außenplastiken teilen, erinnert an die Zerbrechlichkeit der Steinwerke und die Sorgfalt, die ihre Erhaltung verlangt. Riemenschneiders Eva ist dadurch ebenso zu einem Lehrstück wie zu einem Meisterwerk geworden.

