Um den Leichnam des toten Christus beugen sich einige Gestalten in verhaltenem Schmerz. Vom Adam Kraft zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Sandstein gemeißelt, offenbart diese Beweinung im Germanischen Nationalmuseum den Meister, der dem Nürnberger Stein Tiefe und Ergriffenheit zu geben wusste.
Was man sehen sollte
Das Relief versammelt die Angehörigen Christi um seinen ausgestreckten Körper. Adam Kraft reiht die Figuren nicht einfach nebeneinander: Er staffelt sie in aufeinanderfolgenden Bändern, eine hinter der anderen, um in der Dicke des Steins echte Tiefe zu schaffen. Der Blick wird zum Antlitz des Erlösers geführt und dann zu einer erschütternden Geste: Eine Gestalt haucht dem Toten einen zarten Kuss auf die Wange. Die weiten Gewänder, die knorrigen Hände, die ernsten Gesichter tragen eine dichte, doch nie grelle Ergriffenheit. Nichts Theatralisches: Alles lädt zur Andacht ein.
Geschichte
Adam Kraft (um 1455/60-1509) war einer der größten Steinbildhauer Süddeutschlands. Tätig in Nürnberg, der damals auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands stehenden Reichsstadt, bearbeitete er den heimischen Sandstein für Sakramentshäuser, Grabmäler und Passionszyklen. Sein Hauptwerk, das Sakramentshaus von St. Lorenz (1493-1496), und die Reliefs des Schreyer-Landauer-Monuments an St. Sebald hatten ihn als Meister des Nürnberger Steins etabliert. Er schuf mehrere Beweinungen; diese wird im Germanischen Nationalmuseum unter der Nummer Pl.O.2149 bewahrt. Die Reliefs seines Kreuzwegs wurden zwischen 1889 und 1954 nach und nach ins Museum überführt, um sie vor der Erosion zu schützen.
Symbole und Geheimnisse
Die Beweinung, der Moment nach der Kreuzabnahme, ist einer der pathetischen Höhepunkte der Passion: Familie und Jünger beweinen den Leichnam vor der Grablegung. Adam Kraft gibt davon eine verinnerlichte Fassung. Der auf die Wange Christi gehauchte Kuss verdichtet die ganze menschliche Zärtlichkeit angesichts des Todes. Die Anordnung in übereinandergelegten Ebenen, eine bedeutende plastische Erfindung, verwandelt ein Flachrelief in eine fast vollrund gearbeitete Szene. Oft wurde Krafts Vorliebe für kniende Figuren und eine diskrete menschliche Gegenwart bemerkt: In mehreren seiner Werke soll er sich selbst als Zeugen dargestellt haben.
Warum dieses Werk zählt
Mit Veit Stoß und Peter Vischer bildet Adam Kraft die Dreiheit der großen Nürnberger Bildhauer um 1500. Seine Beweinung zeigt, wie er aus dem rauen Sandstein ein Instrument räumlicher Tiefe und beherrschter Ergriffenheit machte und durch seinen Naturalismus den Geist der Renaissance ankündigte. Bewahrt im Germanischen Nationalmuseum, lässt sie die Stellung Nürnbergs als Hauptstadt der Steinbildhauerei an der Wende von der ausgehenden Gotik zur neuen Zeit ermessen.
Der Fall Adam Kraft erhellt auch die Lage des Künstlers in Nürnberg um 1500. Anders als die Maler, die weiten Ruhm erlangen konnten, blieben die Steinbildhauer Handwerker, an die städtischen und pfarrlichen Aufträge gebunden; Kraft arbeitete vor allem für seine Stadt und starb, so heißt es, in relativer Not. Seine Beweinungen und Kreuzwege, für Friedhöfe und Kapellen bestimmt, richteten sich eher an ein Publikum von Gläubigen als von Sammlern: Es galt zu bewegen und die Passion betrachten zu lassen. Die Anordnung in gestaffelten Ebenen, die er zu einer seltenen Meisterschaft trieb, diente diesem Ziel, indem sie dem Relief die Lesbarkeit einer wirklichen Szene gab. Die Überführung dieser Werke ins Museum, zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts, hat ein zerbrechliches Erbe vor der Erosion gerettet, es aber auch aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gerissen. Sie heute im Germanischen Nationalmuseum zu betrachten heißt, hinter dem Museumsobjekt die Inbrunst einer ganzen Stadt wiederzufinden.
