Um die Jungfrau und das Kind treten drei Könige aus dem Morgenland heran, die Gaben in der Hand. Um 1485-1490 von Tilman Riemenschneider in Lindenholz geschnitten, ist diese Gruppe im Germanischen Nationalmuseum ein Frühwerk des großen fränkischen Meisters.
Was man sehen sollte
Die Szene versammelt die sitzende Jungfrau, das Kind auf ihrem Schoß, und die drei Könige in ihren unterschiedlichen Lebensaltern und Gewändern: einen jungen Mann, einen reifen Mann, einen knienden Greis, der sein Gold darbietet. Riemenschneider individualisiert jedes Gesicht, achtet auf die Falten der kostbaren Gewänder, führt die Gefäße und Gaben detailliert aus. Die um die Jungfrau verdichtete Komposition führt den Blick zum Kind, dem Zentrum der Anbetung. Das fein bearbeitete Lindenholz trägt die Spur des Meißels unter einer heute wenig farbigen Oberfläche. Man ahnt schon die erzählerische Kunst, die die großen Retabel des Meisters prägen wird.
Geschichte
Tilman Riemenschneider, um 1460 geboren, ließ sich 1483 in Würzburg nieder und erlangte 1485 die Bildhauer-Meisterwürde, womit er seine eigene Werkstatt eröffnete. Die Anbetung der Könige, um 1485-1490 datiert, gehört zu seinen ersten Tätigkeitsjahren, vor den großen Retabeln von Creglingen, Rothenburg oder Münnerstadt, die seinen Ruhm begründen sollten. Das Werk wird heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg unter der Nummer Pl.O.103 bewahrt. Das Museum vereint eines der bedeutendsten Ensembles von Werken des Meisters, was es erlaubt, die Entwicklung seiner Kunst von diesen vielversprechenden Anfängen an zu verfolgen.
Symbole und Geheimnisse
Die Anbetung der Könige feiert die Epiphanie, die Offenbarung Christi vor den Völkern: Die drei Könige, von weit her gekommen, erkennen im Kind den König der Welt. Ihre drei Lebensalter stehen für die Stufen des Lebens; einer von ihnen, oft als Afrikaner dargestellt, verkörpert die Universalität des Heils. Die Gaben – das Gold des Königtums, der Weihrauch der Gottheit, die Myrrhe der kommenden Passion – laden die Szene mit tiefem Sinn auf. Riemenschneider vermenschlicht diese Theologie: Verehrung mischt sich mit Neugier, königlicher Pomp mit der Schlichtheit der Krippe. Als Frühwerk lässt es einen Künstler erkennen, der lernt, heilige Erzählung und Beobachtung des Lebendigen zu verbinden.
Warum dieses Werk zählt
Die Anbetung der Könige erhellt die Entstehung eines der größten Bildhauer der deutschen Renaissance. Man erkennt darin schon die Züge, die seinen Ruf begründen werden: die klare Erzählung, die ausdrucksvollen, individualisierten Gesichter, die Beherrschung des Lindenholzes. Bewahrt im Germanischen Nationalmuseum, bietet sie einen wertvollen Ausgangspunkt für das Verständnis der Kunst Riemenschneiders und, weiter gefasst, der Lebendigkeit der fränkischen Bildhauerkunst am Ende des 15. Jahrhunderts, an der Schwelle zur Renaissance.
Das Thema der Anbetung der Könige bot dem Bildhauer ein ideales Feld, um sein erzählerisches Talent zu entfalten. Anders als eine isolierte Heiligenfigur verlangte es eine Szene mit mehreren Personen, Blickwechsel, eine Abstufung der Lebensalter und Gewänder, vom jüngsten bis zum ältesten König. Riemenschneider konnte darin die Kontraste häufen: Jugend und Alter, königliche Majestät und Demut der Krippe, Reichtum der Gaben und Armut des Ortes. Gerade diese Fähigkeit, lebendige Gruppen zu komponieren, wird einige Jahre später den Ruhm seiner großen Retabel ausmachen, in denen sich Dutzende Figuren in goldenem Licht beleben. Die bescheidenere Anbetung des Germanischen Nationalmuseums enthält bereits deren Prinzip. So lädt sie dazu ein, das Werk eines Meisters nicht als Abfolge isolierter Stücke zu lesen, sondern als langes Erlernen der sakralen Inszenierung, begonnen schon in diesen Jugendjahren.

