Um 1515 malte Bernhard Strigel, Meister aus Memmingen und Maler Kaiser Maximilians I., dieses Bildnis der Sibylla von Freyberg, geborene Gossenbrot (1478-1521), aus einer großen Augsburger Patrizierfamilie und Gattin des Ludwig von Freyberg. Die Tafel (61 × 35,8 cm) wird in der Alten Pinakothek zu München bewahrt.
Was man sehen sollte
Sibylla ist als Halbfigur gegeben, nach rechts gewandt, vor einem Brokatvorhang, der den Blick auf eine Landschaft freigibt — ein aus dem italienischen Bildnis entlehntes Mittel, das der Figur Tiefe und Würde verleiht. Zwischen den gefalteten Händen hält sie einen Rosenkranz als Zeichen der Frömmigkeit, während Kirschen auf dem Sims neben ihr überlieferungsgemäß auf das milde Wesen und die guten Werke der Dame deuten. Die Ausführung ist genau und kühl: eng anliegende Haube und Netz, helles Inkarnat, mit Goldschmiedesorgfalt wiedergegebene Stoffe. Auf der Rückseite der Tafel erscheinen die Wappen der Familien Freyberg und Gossenbrot — ein Hinweis, dass ursprünglich wohl ein Bildnis des Gatten das Gegenstück bildete, nach dem Brauch der ehelichen Diptychen.
Geschichte
Bernhard Strigel (um 1460-1528) war der angesehenste Bildnismaler Schwabens um die Jahrhundertwende, berufen, Maximilian I. und seine Familie zu porträtieren. Seine noch von gotischer Strenge geprägte Kunst öffnet sich den Formeln des Renaissanceporträts: Ehrenvorhang, Landschaftsfenster, sinnbildliche Beigaben. Sibylla von Freyberg gehörte der Welt der großen oberdeutschen Handelsfamilien an, jenem Augsburger Patriziat, das wie die Fugger den Kunstauftrag nährte. Das in die bayerischen Sammlungen gelangte Bildnis bezeugt den Platz der Frauen in dieser Kultur der Repräsentation: nicht bloße Begleitfiguren, sondern Personen, deren Züge, Rang und Tugenden festgehalten wurden. Seine Erhaltung samt den Wappen auf der Rückseite macht es zu einem vollständigen Zeugnis des ehelichen Bildnisses des frühen 16. Jahrhunderts.
Symbole und Geheimnisse
Die Beigaben sprechen: Der Rosenkranz bezeugt die Frömmigkeit, die Kirschen die Sanftheit und die guten Werke. Der Brokatvorhang und das Landschaftsfenster, aus Italien entlehnt, würdigen die Figur. Das eigentliche Geheimnis aber liegt auf der Rückseite: Die Wappen Freyberg und Gossenbrot schreiben die doppelte Linie der Dame ein und verraten das wahrscheinliche Gegenstück — das Bildnis des Gatten. Die Tafel, die wir sehen, war wohl nur eine Hälfte eines ehelichen Diptychons.
Warum dieses Werk zählt
Das Bildnis zeigt, dass an der Schwelle der Renaissance die Frauen des deutschen Patriziats keine bloßen Begleitfiguren waren: Ihre Züge, ihr Rang und ihre Tugenden wurden mit derselben Sorgfalt festgehalten wie die der Männer. Werk eines Kaisermalers, einer Augsburger Dame gewidmet, verbindet es den Hof Maximilians mit der kaufmännischen Welt, die die Kunst finanzierte. Samt seinen Wappen auf der Rückseite bewahrt, bietet es ein vollständiges, seltenes Zeugnis des ehelichen Bildnisses des frühen 16. Jahrhunderts.

