Bernhard Strigel malte 1517 dieses große Bildnis des Augsburger Kaufmanns und Ratsherrn Conrad Rehlinger im Kreis seiner acht Kinder. Auf zwei fast zwei Meter hohe Tannentafeln verteilt (je 209 × 98 cm), wird es in der Alten Pinakothek zu München bewahrt und zählt zu den seltenen lebensgroßen Familienbildnissen der deutschen Renaissance.
Was man sehen sollte
Der Vater füllt eine der Tafeln, eine gewichtige Gestalt in dunklem Gewand, die Hand mit autoritativer Geste aufgelegt; die Kinder reihen sich an seiner Seite, nach Größe und Alter gestaffelt, jedes durch Züge, Haltung und Beigabe einzeln charakterisiert. Strigel stellt sie auf einen gefliesten Boden vor neutralem Grund, in Lebensgröße, was dem Ganzen eine fast skulpturale Gegenwart verleiht. Inschriften nennen Namen und Alter und machen das Bild zu einem regelrechten Familienregister. Die Sorgfalt bei Stoffen, Krausen und den kleinen Gegenständen in den Händen der Kinder — Blume, Buch, Frucht — spricht von häuslicher Zärtlichkeit wie von der Behauptung des gesellschaftlichen Ranges. Das Werk entstand zwei Jahre nach dem Tod von Conrads Gattin Barbara geb. Walther (1515): Die Abwesenheit der Mutter liegt über dieser erstarrten Familienversammlung.
Geschichte
Die Rehlinger gehörten zu den großen Kaufmannsfamilien Augsburgs, jener durch Handel und Bankgeschäft reich gewordenen Reichsstadt, die mit Nürnberg wetteiferte. Ein Familienbildnis dieses Formats zu bestellen, war ein Akt des Prestiges, der Geschlecht, Nachkommenschaft und Erfolg zugleich vorführte. Bernhard Strigel, der angestammte Bildnismaler Maximilians I., war für ein solches Unternehmen der geeignete Künstler. Das Bild zeigt den Aufstieg einer neuen Gattung — des Familiengruppenbildnisses —, die nördlich der Alpen vor dem 17. Jahrhundert selten blieb. In die bayerischen Sammlungen gelangt, bleibt es ein außergewöhnliches Zeugnis über die Patrizierfamilie der Renaissance, ihre Ordnung, ihre Tracht und die Art, wie sie sich den kommenden Geschlechtern überliefern wollte.
Symbole und Geheimnisse
Jedes Detail trägt Sinn: die autoritative Hand des Vaters, die Staffelung der Kinder nach Alter, die Beigaben in ihren Händen — Blume, Buch, Frucht — und die Inschriften, die benennen und datieren und das Bild zum genealogischen Register machen. Das Geheimnis des Bildes ist eine Abwesenheit: die Gattin Barbara, 1515 gestorben, zwei Jahre vor der Ausführung. Ihr leerer Platz macht aus diesem Prestigebild ein Trauerbild, in dem sich die Fortdauer des Geschlechts vor dem Hintergrund des Verlustes ausspricht.
Warum dieses Werk zählt
Das Bild ist eines der seltenen lebensgroßen Familienbildnisse der deutschen Renaissance und damit ein Markstein in der Geschichte einer neuen Gattung. Es dokumentiert die Augsburger Patrizierfamilie — ihre Ordnung, ihre Tracht, ihre Werte — mit der Genauigkeit eines Registers. Werk eines Kaisermalers im Dienst eines Kaufmannshauses, zeigt es, wie die Bildniskunst dazu diente, den Zusammenhalt eines Geschlechts festzuhalten und zu überliefern, bis in die Prüfung der Trauer hinein.

