Um 1537 gemalt und Lucas Cranach dem Jüngeren zugeschrieben, gehört diese Tafel zum Andachtstypus des Schmerzensmanns: Christus, außerhalb der Erzählzeit lebendig, zeigt sich dem Gläubigen und weist seine Passionswunden vor. Das Werk wird in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen bewahrt.
Was man sehen sollte
Christus füllt allein das Bildfeld, als Halbfigur vor dunklem Grund, der das verwundete Fleisch hervortreten lässt. Er breitet die Hände aus, um die Nagelmale zu zeigen, und weist mit dem Finger auf die Seitenwunde, die ihm die Lanze des Longinus geöffnet hat; Blut rinnt aus den Wunden, aus der Dornenkrone und den Spuren der Geißelung. Um den Körper entfalten sich rahmend die Passionswerkzeuge: Die Dornen der Krone heben sich scharf vom Grund ab, unten erscheinen auf einer angedeuteten Balustrade die Geißeln, und ein Rutenbündel ruht in der Hand. Oben rechts steht eine heute teils unleserliche Inschrift über das erlösende Blut. Das Bild schildert keine Szene, sondern ruft zur Betrachtung: Es stellt den Gläubigen den Leiden Christi als persönliche Hingabe gegenüber.
Geschichte
Das aus der mittelalterlichen Frömmigkeit ererbte Motiv des Schmerzensmanns blieb im Deutschland des 16. Jahrhunderts stark gefragt, auch in reformatorisch gesinnten Kreisen, denn es lenkt den Blick ohne erzählerischen Umweg auf das Opfer Christi. Die Cranach-Werkstatt in Wittenberg schuf zahlreiche Varianten für den privaten und pfarrlichen Gebrauch. Die Zuschreibung an Cranach den Jüngeren, der die Familienproduktion seit dem Ende der 1530er Jahre zunehmend leitete, bleibt vorsichtig: Die genaue Hand ist in diesen seriellen Bildern schwer zu scheiden. Die in die bayerischen Sammlungen gelangte Tafel zeigt das Fortleben des Andachtsbildes mitten im Jahrhundert der Reformation und die Fähigkeit der Cranach-Werkstatt, Fürsten, Städte und die gewöhnliche Frömmigkeit zugleich zu bedienen.
Symbole und Geheimnisse
Der zeitenthobene Christus zeigt seine fünf Wunden: Das Bild ist zur Betrachtung gemacht, nicht zur Erzählung. Das rinnende Blut weist auf das erlösende Opfer, und die Passionswerkzeuge — Dornenkrone, Geißeln, Ruten — bilden den Rahmen der Arma Christi. Die beschädigte obere Inschrift spricht von diesem rettenden Blut. Die vorsichtige Zuschreibung — „der Jüngere (?)“ — erinnert an die Schwierigkeit, die Hände in einer Serienproduktion zu unterscheiden, in der sich ein und derselbe Typus von Werkstatt zu Werkstatt wiederholte.
Warum dieses Werk zählt
Das Werk zeigt, dass mitten in der Reformation das Andachtsbild nicht verschwand: Es blieb bestehen, angepasst, wiederholt. Das mittelalterliche Motiv des Schmerzensmanns verband alten und neuen Glauben um das alleinige Opfer Christi. Von der einflussreichsten Werkstatt des Reiches geschaffen, dokumentiert diese Tafel die Kontinuität der deutschen Frömmigkeit und die zentrale Rolle der Cranachs in der Bildproduktion des 16. Jahrhunderts.
