Im Herzen eines grandiosen Renaissancepalastes tritt eine Königin unter Lebensgefahr vor, um ihr Volk zu retten: Esther erscheint vor König Ahasver. Hans Burgkmair d. Ä. malt 1528 diese Szene heroischer Fürsprache, ein glänzendes Stück des Historienzyklus, den Herzog Wilhelm IV. von Bayern in Auftrag gab.
Was man sehen sollte
Die große Querformattafel (103 × 156 cm) entfaltet eine monumentale Renaissancearchitektur aus Säulen, Arkaden und Perspektiven, die die Szene rahmt. In der Mitte tritt die reich geschmückte Königin Esther auf den inmitten seines Hofes thronenden König Ahasver zu. Der König reicht sein Zepter, eine Geste der Vergebung und Aufnahme. Ringsum belebt eine Menge aus Höflingen, Wachen und Dienern die Komposition. Achten Sie auf den Reichtum der Kostüme, die manieristische Ordnung des Ganzen und die theatralische Inszenierung des entscheidenden Augenblicks.
Geschichte
Der Stoff stammt aus dem biblischen Buch Esther. Als junge Jüdin, die Königin von Persien geworden ist, erfährt Esther, dass der Minister Haman vom König Ahasver ein Dekret zur Ausrottung der Juden erwirkt hat. Unter Lebensgefahr — denn niemand darf ungerufen vor den König treten — erscheint sie vor ihm, um seine Milde anzuflehen. Der König empfängt sie und vereitelt schließlich das Komplott. Das Bild wurde 1528 von Hans Burgkmair d. Ä. (1473-1531), dem Augsburger Meister, für den Historienzyklus Herzog Wilhelms IV. von Bayern gemalt. Heute wird es in der Alten Pinakothek München bewahrt.
Symbole und Geheimnisse
Esther ist in der Überlieferung ein Vorbild an Mut und weiblicher Tugend: Sie riskiert alles, um die Ihren zu retten. Der Historienzyklus Wilhelms IV. stellte gerade Großtaten berühmter Männer und Taten tugendhafter Frauen einander gegenüber; Burgkmairs „Esther" gehört zu diesem zweiten Strang. Das berühmteste Stück des Zyklus ist Altdorfers „Alexanderschlacht" (1529), ebenfalls in München. Die monumentale Architektur und Burgkmairs manieristischer Stil drücken den gelehrten Ehrgeiz des Programms aus: durch die Malerei die Größe der antiken und biblischen Geschichte zu zeigen, im Dienst des herzoglichen Prestiges. Der Prunk der zeitgenössischen Kostüme verankert die Szene in der Welt des Hofes.
Warum dieses Werk zählt
Burgkmairs „Esther" ist ein Hauptzeuge der profanen Historienmalerei der deutschen Renaissance und des großen Mäzenatentums des bayerischen Hofes. Es veranschaulicht den Ehrgeiz des Zyklus Wilhelms IV., eines der bemerkenswertesten Bildprogramme der Zeit, und steht im unmittelbaren Dialog mit Altdorfers „Alexanderschlacht". Als Spätwerk Burgkmairs zeigt es die Entwicklung seiner Kunst zum Manierismus. In München bewahrt, im Herzen des bayerischen Gebiets, verbindet es die Kunst Augsburgs mit dem Mäzenatentum der Wittelsbacher und bietet das heroische Bild einer Frau, die ihr Volk rettet.
Im HitsMap-Rundgang gewinnt Burgkmairs „Esther" im Zusammenhang mit Altdorfers „Alexanderschlacht", ihrer Nachbarin in der Alten Pinakothek: Zusammen geben sie eine Vorstellung vom Ehrgeiz des Zyklus Wilhelms IV., eines der höchsten Programme profaner Malerei des Nordens. Man liest darin das Vorhaben eines Hofes, der sich durch das Bild in die Reihe der großen antiken und biblischen Geschichten einschreiben wollte. Man schätze den Umschwung von Burgkmairs Stil zu einem eleganten Manierismus, spürbar in der monumentalen Architektur und der geordneten Menge. Der Besucher behält vor allem die Kraft einer Heldin: eine einzelne Frau, die der Macht entgegentritt, um ihr Volk zu retten. Insofern verlängert das Werk die Galerie mutiger Gestalten, die der HitsMap-Atlas über Jahrhunderte und Grenzen hinweg gerne ins Licht rückt.
Man beachte die Tiefe des Raums, geschaffen durch die aufeinanderfolgenden Arkaden, die den Blick zum Thron führen. Diese Beherrschung der Perspektive, in der deutschen Malerei noch selten, verrät Burgkmairs Aufmerksamkeit für die italienischen Lehren. Die Szene liest sich wie ein Theater: Jede Figurengruppe spielt ihre Rolle im Drama der Fürsprache. Durch diese kunstvolle Inszenierung und diesen Reichtum an Details bietet das Werk dem Besucher ein Konzentrat der höfischen Kunst der Renaissance, in der sich die heilige Geschichte in der prächtigen Kulisse der Gegenwart neu abspielt.

