Ein junger Mann mit brennendem Blick, die Hand am Mantel gekrampft, hebt sich von einem leuchtend roten Behang ab. Zu beiden Seiten halten zwei Wilde Männer Wappen empor. 1499 gemalt, ist dieses Kaufmannsbildnis eines der intensivsten aus Dürers jungen Jahren.
Was man sehen sollte
Die Mitteltafel rahmt Oswolt Krel im Dreiviertelprofil, als Brustbild, in dunkler, pelzverbrämter Kleidung. Hinter ihm nimmt ein reicher, strahlend roter Behang die Hälfte des Grundes ein; die andere Hälfte öffnet sich auf eine bewaldete Landschaft. Das Gesicht ist der Brennpunkt des Bildes: weit geöffnete, fast starre Augen, hochgezogene Brauen, belebte Hautfarbe. Die rechte Hand umklammert den Mantelzipfel mit spürbarer Spannung. Die beiden seitlichen Flügel wechseln das Register: jeder trägt einen Wilden Mann, behaartes Geschöpf des germanischen Waldes, der ein Wappen hält — das Krels links, das seiner Braut rechts.
Geschichte
Oswolt Krel war ein führender Geschäftsmann: er leitete von 1495 bis 1503 die Nürnberger Niederlassung der mächtigen Ravensburger Handelsgesellschaft. Das auf 1499 datierte Bildnis steht wohl im Zusammenhang mit seiner Heirat, wie die Wappen der Flügel nahelegen. Das Ensemble durchquerte die Jahrhunderte in aristokratischen Sammlungen: es gehörte ab 1812 den Fürsten von Oettingen-Wallerstein, bevor es 1928 in die Alte Pinakothek kam, wo Bildnis und heraldische Flügel wieder zusammen gezeigt wurden.
Symbole und Geheimnisse
Die Wilden Männer sind kein beliebiges Ornament: als vertraute Gestalten der germanischen Vorstellungswelt dienen sie als Wappenträger und stellen das Paar symbolisch unter einen kräftigen, halb heraldischen, halb mythologischen Schutz. Der rote Grund, ein kostbares Pigment, isoliert und steigert den Kopf. Das wahre Geheimnis des Bildes aber ist psychologisch: Dürer verzeichnet nicht nur einen Rang, er erfasst ein Temperament. Der hervortretende Blick und die nervöse Hand haben viel Tinte fließen lassen; man sah darin eines der ersten wahrhaft charakterlichen Bildnisse der deutschen Kunst.
Warum dieses Werk zählt
Das Bildnis des Oswolt Krel markiert einen Höhepunkt des Porträts der deutschen Renaissance im späten 15. Jahrhundert. Dürer verbindet darin die flämische Präzision der Wiedergabe, die farbige Energie eines prächtigen Grundes und eine Aufmerksamkeit für den individuellen Charakter, die das moderne Bildnis vorwegnimmt. Das Flügelsystem schließlich dokumentiert, wie das kaufmännische Patriziat Selbstbild, Ehe und Heraldik verband. In der Alten Pinakothek bewahrt, bleibt es eines der einprägsamsten Bildnisse des Künstlers.

