Gekrönt, Reichsapfel und Schwert haltend, erhebt sich ein langbärtiger Kaiser frontal, überlebensgroß. Niemand wusste, wie Karl der Große aussah: Dürer erfand ihm um 1511-1513 dieses Antlitz, das für Jahrhunderte das des Kaisers in der abendländischen Vorstellung wurde.
Was man sehen sollte
Die Tafel erzwingt sogleich ihre Monumentalität: die Figur, als breites Brustbild, sprengt fast den Rahmen. Karl trägt die Reichskrone des Heiligen Römischen Reiches, hält den Reichsapfel mit Kreuz und das Schwert und hüllt sich in einen reich behandelten Prunkmantel. Die Frontalität, der volle Bart, die Starrheit des Blicks bauen ein Bild zeitloser Majestät auf. Zu beiden Seiten rahmen zwei Wappen den Kopf: der schwarze Reichsadler und die französischen Lilien. Inschriften nennen den Kaiser und erinnern an die Dauer seiner Herrschaft. Alles in der Komposition zielt auf die Wirkung einer kaiserlichen Ikone.
Geschichte
Um 1511-1513 gab der Nürnberger Rat bei Dürer ein Paar Kaiserbildnisse in Auftrag — Karl der Große und Sigismund — für den Raum, in dem man alljährlich die Reichsinsignien in der Nacht vor ihrer öffentlichen Weisung aufbewahrte. Diese Reichskleinodien waren seit 1424 Nürnberg anvertraut; die beiden Tafeln ersetzten ältere Konterfeis. Es handelt sich um den einzigen Tafelauftrag, den der Künstler von seiner Stadt erhielt. Die Werke gelangten später in die Sammlungen des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg, wo sie heute bewahrt werden.
Symbole und Geheimnisse
Entscheidend ist, dass Karl, 814 gestorben, kein zuverlässiges Bildnis hinterlassen hatte. Dürer musste also ein Konterfei völlig neu erschaffen, aus Attributen und einer Idee der Majestät. Seine Schöpfung setzte sich so stark durch, dass sie bis ins 19. Jahrhundert die kanonische Darstellung des Kaisers wurde. Die beiden Wappen sind nicht beiläufig: indem sie den Reichsadler mit den französischen Lilien verbinden, beanspruchten sie Karl als gemeinsamen Ahnen, mythischen Gründer des Reiches. Der funktionale Rahmen — eine Schatzkammer — erklärt auch die sakrale, ikonennahe Dimension des Bildes.
Warum dieses Werk zählt
Dieses Bildnis ist ein Musterfall der schöpferischen Macht des Bildes: ein erfundenes Konterfei, das kollektive Wahrheit wird. Es dokumentiert den besonderen Status Nürnbergs als Hüterin der Reichsinsignien und den politischen Gebrauch, den die Stadt von dieser Funktion machte. Als Hauptwerk Dürers und Glanzstück des Germanischen Nationalmuseums bildet es mit dem Sigismund ein ideologisches Diptychon über die Kontinuität des Reiches und bleibt eines der einflussreichsten Kaiserbilder der deutschen Kunst.

