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Renaissance-Malerei

Christus am Kreuz

Christus am Kreuz

In der Gemäldegalerie Alte Meister zu Dresden bewahrt, gehört die kleine Tafel Christus am Kreuz (um 1495-1496) zum Zyklus der Sieben Schmerzen der Maria, wohl Albrecht Dürers erstem Auftrag für Kurfürst Friedrich den Weisen. Sie ist als Bruchstück eines zerstreuten Ensembles zu lesen, nicht als Einzelbild: Hinter diesem Kreuz muss man sich sechs weitere Schmerzen und eine trauernde Mutter denken, heute von ihm entfernt.

Was man sehen sollte

Die Tafel kleinen Formats (etwa 63,5 × 45,5 cm, Öl auf Nadelholz) zeigt Christus am Kreuz, die zentrale Szene der Passion. Alles ist konzentriert, verdichtet: ein Bild naher Andacht, zum Betrachten unter dem Blick gemacht, keine große Altarmaschine. Dichte der Zeichnung, Schärfe der Details und gehaltener Ernst verraten schon eine sichere Hand, die eines sehr jungen Mannes, der seine Meisterschaft beweisen will. Diese Kreuzigung ist im Wissen zu betrachten, was sie verloren hat: Sie war Teil eines Ensembles von sieben Tafeln zu den Schmerzen Marias, die sich um eine „Mater dolorosa" ordneten, heute in München. Die kleinen Tafeln wurden schon vor ihrer Ankunft in Dresden voneinander getrennt. Man betrachtet hier also ein Stück eines zergliederten Polyptychons.

Geschichte

Es war wohl der erste Auftrag, den Dürer von Friedrich dem Weisen erhielt, dem sächsischen Kurfürsten und späteren Beschützer Luthers; das Ensemble war für die Schlosskapelle in Wittenberg bestimmt. Die sieben Passionsszenen umgaben vermutlich die Schmerzensmutter, heute in der Alten Pinakothek in München. Die Tafeln gelangten aus dem Nachlass Lucas Cranachs des Jüngeren in Wittenberg nach Dresden, was die enge Verbindung zwischen Dürer, Cranach und dem sächsischen Hof um 1500 unterstreicht. Das Werk fällt in die Jahre, in denen der aus Italien zurückgekehrte Nürnberger Meister fürstliche Aufträge suchte und sich bewährte. Für den Atlas zählt dieser Christus am Kreuz zu den frühesten in Sachsen erhaltenen Zeugnissen Dürers, Glied eines bedeutenden Jugendzyklus, in Dresden neben dem Dresdner Altar und dem Bildnis des Bernhard von Reesen desselben Meisters zu sehen.

Symbole und Geheimnisse

Das Geheimnis dieser Tafel ist das ihrer Unvollständigkeit. Als Station unter sieben gedacht, hatte sie Sinn nur im Reigen der Schmerzen: Der sterbende Christus antwortete von Tafel zu Tafel der trauernden Mutter in der Mitte. Gelöst, zerstreut, behält sie die Kraft einer Reliquie ohne ihr Reliquiar. Die Geschichte ihrer Herkunft sagt noch anderes: Über das Erbe Cranachs des Jüngeren nach Dresden gelangt, bezeugt sie, dass Dürers Werk im Umkreis der Cranach-Werkstatt lief, also im Herzen des sächsischen Hofes und der beginnenden Reformation. Schließlich verraten das kleine Format und die feine Technik eine genaue Funktion: die private Meditation, in der der Gläubige mit Christus und mit Maria „mitleidet".

Warum dieses Werk zählt

Dieser Christus am Kreuz ist einer der wenigen in Sachsen erhaltenen frühen Dürer und einer der drei bedeutenden Dürer in Dresden. Er dokumentiert den entscheidenden Augenblick, in dem der junge Nürnberger in den Dienst Friedrichs des Weisen tritt — des Fürsten, der zwei Jahrzehnte später Luther schützen wird. So verbindet das Werk die große deutsche Malerei mit dem religiösen Umbruch, der Europa verwandeln wird. Es lehrt auch das Sehen: ein Fragment als das zu erkennen, was es war, das verlorene Ganze im Geist wiederherzustellen, der Spur eines Zyklus von Dresden nach München zu folgen. Für den Atlas verkörpert es die Dichte des sächsischen Renaissance-Erbes, in dem jede kleine Tafel eine Geschichte von Hof, Glaube und Zerstreuung birgt.

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