In der Gemäldegalerie Alte Meister zu Dresden zeigt das Tafelpaar „Adam" und „Eva" von Lucas Cranach dem Älteren, datiert 1531, fast lebensgroß das erste Paar unter dem Baum der Erkenntnis. Mit der geflügelten Schlange signiert, stammt es aus dem alten Bestand der kurfürstlichen Kunstkammer. Zwei helle Akte, aus dem Schwarz getreten: in einem einzigen Bild alle Schönheit der Welt und der Augenblick ihres Verlusts.
Was man sehen sollte
Die beiden rund 170 Zentimeter hohen Figuren heben sich von einem dunklen Grund ab, der ihre blassen Körper isoliert und in Szene setzt. Cranach behandelte das Thema als Pendants: Adam und Eva stehen einander beiderseits des Baumes gegenüber, jeder auf seiner Tafel (Gal.-Nr. 1911 für Adam, 1912 für Eva), das Ganze gedacht, einen Durchgang zu rahmen. Die Erzählung ist fein verschoben. Adam greift erst nach der Frucht, zögernd, die Stirn gefurcht; Eva, deren Blick den Betrachter fängt, hat schon gekostet. So hält der Maler den genauen Augenblick des Umschlags fest, kurz vor dem Fall, nicht die vollzogene Sünde. Die schon vorhandenen Feigenblätter kündigen die kommende Scham an. Betrachten Sie schließlich unten links auf Adams Tafel die kleine geflügelte Schlange mit erhobenen Flügeln samt Jahreszahl: das Markenzeichen der Wittenberger Werkstatt.
Geschichte
Cranach der Ältere (1472-1553), Hofmaler der sächsischen Kurfürsten und Freund Luthers, leitete in Wittenberg eine der größten Werkstätten der deutschen Renaissance. Das Thema Adam und Eva, das er ab 1509 unermüdlich aufgriff, erlaubte ihm, den antikischen Akt und die christliche Botschaft in einem von den Höfen begehrten Format zu vereinen. Die Dresdner Fassung von 1531 gehört zur vollen Reife des Meisters. Sie gelangte über die kurfürstliche Kunstkammer in die Sammlung, das Kunstkabinett der Wettiner, dessen direkte Erbin die Gemäldegalerie Alte Meister ist. Dort steht sie neben den großen sächsischen Dynastieporträts derselben Werkstatt, ebenfalls in Dresden. Ihre Geschichte ist die eines dem Ort treu gebliebenen Werks: für den sächsischen Hof geschaffen, lässt es sich heute wenige Straßen von der Macht entfernt sehen, die es in Auftrag gab.
Symbole und Geheimnisse
Alles ist hier Zeichen. Der Baum teilt die Welt in zwei Hälften; Schlange und Apfel verdichten die Genesis-Erzählung; der schwarze Grund ist, weit entfernt von bloßer Folie, eine theologische Leere, die das Paar aus Raum und Zeit reißt und zur ganzen Menschheit macht. Das Feigenblatt spricht schon von Scham. Doch das sprechendste Geheimnis liegt in Cranachs Methode: Das Dresdner Paar ist kein einmaliges Original, sondern eine Variation eines dutzendfach durchgespielten Modells, wobei jedes Exemplar eine Haltung, ein Beiwerk, ein Landschaftsdetail ändert. Die geflügelte Schlange, Signatur und Quasi-Logo, bezeugt die Werkstattherkunft, ohne die genaue Hand zu nennen — eine Vorsicht, die für viele dieser Repliken noch gilt. Und die Nacktheit hat bei diesem Luther-Freund nichts Heidnisches: Sie ist Träger einer Predigt über die Erbsünde.
Warum dieses Werk zählt
Adam und Eva in Dresden ist eines der wenigen Meisterwerke Cranachs des Älteren, die in dem Sachsen blieben, das sie entstehen sah, am Ort der Macht zu sehen, die es liebte. Es fasst eine Haupterfindung der nordischen Renaissance zusammen: ein lebensgroßer, gelehrter und sinnlicher Akt im Dienst einer reformierten Theologie. Es erhellt auch einen Wandel der Kunst selbst: Mit Cranach wird die Werkstatt zum Unternehmen, das Motiv zum Produkt, die Signatur zur Marke — Vorwegnahme der seriellen Verbreitung von Bildern. Für den Atlas ist es ein idealer Zugang zur sächsischen Renaissance: Hinter zwei hellen Körpern auf schwarzem Grund stehen ein Hof, eine Glaubensreform und eine neue Weise, Bilder zu machen und zu lieben.

