Worin besteht der Renaissanceanteil der großen Delitzscher Kirche? Der Bau selbst ist eine spätgotische Halle von 1404 bis 1491, doch sein Inneres bewahrt eine Reihe steinerner Epitaphe des 16. Jahrhunderts, die die sächsische Stadt in die Formensprache der Renaissance führen — gerade als der regionale Adel das gemeißelte Grabbildnis annimmt.
Was zu sehen ist
Das Langhaus ist eine dreischiffige Halle mit Netz- und Sterngewölben, mit Deckenmalereien des 15. Jahrhunderts und, nahe dem Chor, einer Ölberggruppe von Hans von Leipzig um 1408: all das ist gotisch. Die Renaissanceschicht liegt an den Wänden, in den Epitaphen. Das bedeutendste ist das des Ritters Friedemann von Selmenitz († 1576) aus Sandstein, von niederländischem Einfluss geprägt, in dem die Gestalt des Verstorbenen in eine antikisierende Rahmenarchitektur eingefügt ist. Ihm antwortet das Doppelepitaph des Heinrich von Pack († 1588) und seiner Frau Sibylla von Gleissenthal († 1615), vom Nachfolger des Andreas Walther III. in Sandstein gehauen und an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs aufgestellt. Der Flügelaltar von 1492, gestiftet von der Witwe des Bürgermeisters Anton Kropfheuser, bleibt dagegen spätgotisch: So ermisst der Besucher von Werk zu Werk den Sprachwechsel, der sich in einer Generation vollzieht.
Geschichte
Die Kirche wurde 1404 begonnen, 1437 geweiht und um 1491 vollendet; sie ersetzte ein älteres, seit dem frühen 14. Jahrhundert bezeugtes Heiligtum. Die Stadt Delitzsch, an der Straße von Leipzig nach Halle, nahm im 16. Jahrhundert die Reformation an, und in diesem neuen konfessionellen Rahmen ließen sich Adel und Patriziat durch Wandepitaphe verewigen, eine Gattung der Grabkunst, die damals in Sachsen ihre Blüte erlebt. Diese zwischen 1576 und 1615 gemeißelten Denkmäler sind der eigentliche Renaissancebeitrag des Baus: Sie bringen nach Delitzsch das antikisierende Bildnis und die allegorischen Programme der großen Werkstätten. Eine neugotische Restaurierung von 1888 bis 1890 unter dem Hannoveraner Architekten Conrad Wilhelm Hase erneuerte die liturgische Ausstattung und verlegte den alten Altar und die alte Kanzel in die benachbarte Marienkirche; die steinernen Epitaphe aber blieben an ihrem Ort. Für den Atlas zeigt Delitzsch den typischen Fall der Region: eine Architektur von vor der Renaissance, belebt durch ein Grabmobiliar ganz seiner Zeit.

