Nach 1542 wurde diese Kirche die der Halloren, der Salzwirker von Halle, einer alten und stolzen Bruderschaft, die sie zu ihrer Pfarrkirche machten. Für den Salzmann war die Moritzkirche ein vertrauter Bezugspunkt — eine gotische Halle, so langsam erbaut, von 1388 bis 1557, hundertneunundsechzig Jahre lang, dass sie sich wie ein Architekturbuch liest, nach Maßgabe der Mittel und Generationen. Die Renaissancekanzel von 1592 steht hier neben den ausdrucksvollen Figuren eines mittelalterlichen Bildhauers. Und ganz nah kippte die Geschichte: Halle war die Stadt des Kardinals Albrecht von Brandenburg, des Ablassmannes; 1542 ging sie zum Luthertum über.# Die Moritzkirche in HalleIn Halle, der Stadt des Salzes und der Erzbischöfe, ist die Moritzkirche die Pfarrei der Halloren, der Arbeiter der Salinen. Langsam erbaut, fast zwei Jahrhunderte lang, ist sie eine gotische Halle bewegten Schicksals: katholisch unter dem Kardinal Albrecht von Brandenburg, lutherisch nach 1542. Ihr Renaissance-Hauptstück, die Kanzel von 1592, richtet mitten im Schiff das neue Wort der Reformation auf.
Was man sehen sollte
St. Moritz ist eine in Etappen erbaute gotische Halle, von 1388 bis 1557 — fast zwei Jahrhunderte, je nach den Mitteln der Stifter. Dieses lange Werden liest sich im Stein: Jede Bauphase hat ihre Spur hinterlassen.
Der Schatz des 16. Jahrhunderts ist die Kanzel, Werk des Zacharias Bogenkrantz von 1592, die 1604 der Schalldeckel des Valentin Silbermann ergänzt. Es ist ein sorgfältiges Renaissance-Möbel, für die zentral gewordene protestantische Predigt gedacht. Ringsum besteht der spätgotische Hochaltar von 1511 fort, und vor allem die Skulpturen aus der Werkstatt Conrad von Einbecks — eine bewundernswerte mittelalterliche Schicht: der „Schellenmoritz" von 1411, ein Schmerzensmann von 1416, Figuren von ergreifender Ausdruckskraft, weit vor der Renaissance, aber in der Kirche bewahrt. Der spätgotische Hochaltar von 1511 vervollständigt dieses Erbe von vor dem Bruch.
Die sehr lange Bauzeit — 1388 begonnen, erst 1557 vollendet — liest sich in der Ungleichheit der Teile: Die spät, zwischen 1453 und 1510, errichtete Westfassade verrät die geschmälerten Mittel der Stifter. Das Ergebnis ist keine Architektur aus einem Guss, sondern ein Palimpsest, in dem fast zwei Jahrhunderte Glaube und Vermögen je ihre Schicht hinterließen.
Geschichte
Halle ist die Stadt der Erzbischöfe von Magdeburg. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hält dort der Kardinal Albrecht von Brandenburg Hof — derselbe Albrecht, dessen Ablasskampagne, bestimmt, St. Peter in Rom zu finanzieren und seine eigenen Schulden zu tilgen, 1517 Luthers 95 Thesen ausgelöst hatte. Um 1519 ordnet er den Klerus der Stadt neu und siedelt Dominikaner an.
Doch die Reformation siegt: 1542 geht Halle zum lutherischen Gottesdienst über, und Albrecht muss die Stadt verlassen. Die katholische Moritzkirche wird nun die Pfarrei der Halloren, der Salzwirker, einer alten, verschworenen Bruderschaft. In diesem neuen protestantischen Zusammenhang bestellt man 1592 die große Kanzel bei Zacharias Bogenkrantz — Zeichen, dass die Predigt fortan das Herz des Gottesdienstes ist; Valentin Silbermann fügt 1604 den krönenden Schalldeckel hinzu. Die Halloren, mit ihren alten Privilegien und ihrem zünftigen Stolz, legten Wert auf eine Kirche nach dem Maß ihres Ranges in der Salzstadt.
Symbole und Geheimnisse
Das Geheimnis von St. Moritz liegt in ihrem Umschwung. Sie war die Kirche eines katholischen Kirchenfürsten, Albrechts, des wider Willen Gegners Luthers; sie wurde die der Salzarbeiter, schlicht und stolz auf ihr Handwerk. Die Kanzel von 1592, mitten ins Schiff gesetzt, verkörpert diesen Wandel: Wo man einst das Sakrament hinter einem Lettner zeigte, lässt man nun das Wort ganz nah beim Volk erklingen. Und die alten Skulpturen Conrad von Einbecks, bewahrt statt zerstört, erinnern daran, dass die Reformation hier keinen Kahlschlag machte: Sie erbte einen Ort und richtete ihn neu aus.
Warum das zählt
Weil die Moritzkirche in einem einzigen Schiff den Übergang von einer Welt zur anderen erzählt: vom prächtigen Hof Albrechts von Brandenburg zur volkstümlichen Pfarrei der Halloren. Ihre Renaissance-Kanzel von 1592, eine der schönen Sachsen-Anhalts, ist das Sinnbild-Möbel dieser Bekehrung — das in die Mitte gestellte Wort, in der Kirche einer Stadt, die, ohne es zu wollen, die Reformation entzündet hatte. Dass gerade die Salzarbeiter, nicht die Kirchenfürsten, zu Hütern dieses Ortes wurden, ist eine stille Ironie der Geschichte: In Halle ging die Kirche vom Kardinal zum einfachen Volk über — und bewahrte dabei, in ihrer Kanzel wie in den alten Figuren Conrad von Einbecks, die Spuren beider Welten.

