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Renaissance in Deutschland

St.-Johannis-Kirche Göttingen

Göttingen

St.-Johannis-Kirche Göttingen

In Göttingen war St. Johannis einer der Herde der städtischen Reformation: In diesen Mauern beriet die Stadt und wandte sich dem Luthertum zu. Ringsum bewahren die Renaissance-Epitaphien der Bürger die Spur einer Gemeinde, die ihren Glauben wählte. Die beiden Zwillingstürme wachen noch über dem Platz, auf dem sich alles entschied.

Was man sehen sollte

St. Johannis ist eine gotische Zweiturmhalle, vom Ende des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts errichtet. Doch ihr Inneres ist im Wesentlichen das einer ausgeräumten und neu ausgestatteten Kirche: Die Reformation in Göttingen führte nach 1544 zur Entfernung der gesamten mittelalterlichen Ausstattung, und eine neugotische Restaurierung (1895-97, Conrad Wilhelm Hase) erneuerte später den Dekor. Zu sehen sind daher keine alten Retabel, sondern die an den Wänden hängenden Epitaphe.

Unter ihnen das Epitaph des Theodosius Fabricius († 1597), Superintendent und Theologe, auf dem der Verstorbene ganzfigurig dargestellt ist: ein erhaltenes Renaissancedenkmal, Zeuge der neuen protestantischen Gedächtnisfrömmigkeit. Weitere Steine und Epitaphe des 16.-17. Jahrhunderts ergänzen diese Grabgalerie. Davon zu unterscheiden ist das Retabel von 1636 (Ludolph Büsinck, aus Hann. Münden), das dem Frühbarock und nicht der Renaissance angehört. Die Lehre von St. Johannis ist so die einer Kirche, in der das 16. Jahrhundert vor allem in ihren Gedächtnismalen zu lesen ist — und in der von der Reformation hinterlassenen Leere selbst.

Geschichte

St. Johannis ist mit St. Jacobi eine der beiden großen Pfarren Göttingens. Die Hallenkirche wird vom Ende des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut. Im 16. Jahrhundert nimmt die Stadt die Reformation an: In Göttingen ist die Bewegung früh und ausgeprägt. Nach 1544 entfernt man aus der Kirche die gesamte mittelalterliche Ausstattung — Altäre, Bilder — in einer für das städtische Luthertum kennzeichnenden Reinigungsgeste. Schon um 1533 waren Grabsteine der Kirchen und Kapellen bei Mauerarbeiten wiederverwendet worden: Die Stadt ordnete ihr Gedächtnis ebenso neu wie ihren Gottesdienst.

St. Johannis wird damit zur Rats- und Marktkirche der reformierten Stadt: Ort des Rates, der Predigt, des bürgerlichen Lebens. Die Epitaphe, die sich ab dem Ende des 16. Jahrhunderts dort sammeln — das des Fabricius (1597) und andere im 17. —, bezeugen diese neue Funktion. Im 19. Jahrhundert gibt die Restaurierung Hases dem Inneren einen neugotischen Dekor. Die eigentliche Renaissancesubstanz beschränkt sich auf die Grabdenkmäler und die Erinnerung an die große Neuausstattung des 16. Jahrhunderts.

Symbole und Geheimnisse

Das Geheimnis von St. Johannis ist das der Leere und des Gedächtnisses. Die Leere zuerst: Die Reformation entfernte den mittelalterlichen Dekor, und diese entkleidete Kirche ist selbst ein Dokument — sie zeigt, was der gemäßigte Bildersturm des städtischen Luthertums war, der das Gebäude nicht zerstört, aber sein Inneres radikal verändert. Das Gedächtnis sodann: In diesem gereinigten Schiff nehmen die Epitaphe der Honoratioren allen Raum ein, und das Ganzfigurenporträt des Theologen Fabricius (1597) verkörpert die neue Frömmigkeit, in der man die Männer der Stadt ehrt, statt für ihre Seele zu beten. Die Kirche wird zu einem Buch des reformierten Bürgertums.

Warum dieser Ort zählt

Weil St. Johannis Göttingen die Reformation als materielles Ereignis zeigt: die Entfernung der gesamten mittelalterlichen Ausstattung nach 1544 und die Verwandlung der Kirche in die Rats- und Marktkirche der reformierten Stadt. Ihr erhaltener Renaissancebeitrag sind ihre Epitaphe — allen voran das des Theodosius Fabricius (1597). Mit dem benachbarten St. Jacobi bildet sie das Paar der großen Göttinger Kirchen des 16. Jahrhunderts und zeigt, dass die Renaissance in einer protestantischen Stadt sich bisweilen ebenso in dem lesen lässt, was man entfernt, wie in dem, was man hinzufügt.

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