In Einbeck trägt das Eickesche Haus, um 1612-1614 errichtet, eine der reichst geschnitzten Holzfassaden der ganzen Weserrenaissance: Dutzende Reliefs bedecken seine Balken, Tugenden, Allegorien und biblische Szenen. Die Familie Eicke verwandte ihr Vermögen darauf, ein Haus in ein Manifest zu verwandeln. Man weiß nicht mehr, wohin blicken, so sehr ist die Tischlerarbeit zu Spitze geworden.
Was man sehen sollte
Man muss sich Zeit nehmen, die Fassade zu lesen, so dicht ist sie. Man erkennt Christus und die vier Evangelisten, die fünf Sinne, die sieben freien Künste, Tugenden (Glaube, Liebe, Geduld, Mäßigung), die Musen und Planetengötter: ein enzyklopädisches Programm, als hätte der Eigentümer das ganze Wissen und die ganze Moral seiner Zeit an seinem Haus zusammenfassen wollen. Mittelniederdeutsche Inschriften zitieren die Sprüche Salomos und den Psalm 37.
Das spektakulärste Detail ist die Ecklösung: Drei Kriegerfiguren dienen als Atlanten am Eckpfosten und tragen den Bau auf ihren Schultern. Die Quellen zählen 42 Brüstungstafeln, 51 Konsolen und etwa 110 Köpfe und Masken. Dieser Reichtum und diese einzigartige Art, die Ecke zu behandeln, machen das Haus zu einem Baudenkmal von nationaler Bedeutung.
Geschichte
Das Haus wird um 1612 von einem reichen Kaufmann Einbecks errichtet — der Bierstadt, wohlhabend und stolz auf ihre Fachwerkfassaden. Der Bauherr bleibt in den Quellen anonym, doch die Fülle des Dekors bezeugt hinreichend sein Vermögen und seinen Ehrgeiz. Der Name des Hauses rührt von einem weit späteren Eigentümer her, dem Kaufmann Hermann Eicke, der im 19. Jahrhundert die Restaurierung durchführte und dem Bau seinen Namen gab.
Das Eickesche Haus gehört zur letzten Generation der großen bürgerlichen Renaissancearchitektur in Niedersachsen, kurz bevor der Dreißigjährige Krieg den Aufschwung unterbrach. In Einbeck ergänzt es das Zeugnis des Alten Rathauses und seiner Türmchen: Zusammen machen sie die Stadt zu einem der großen, bemerkenswert bewahrten Fachwerkensembles Deutschlands.
Symbole und Geheimnisse
Die Fassade des Eickeschen Hauses ist ein totales Buch. Indem der Bauherr Christus und die Evangelisten, die freien Künste und die Musen, die Sinne und die Tugenden vereint, schreibt er an seinem Haus ein wahrhaft christlich-humanistisches Programm ein: Glaube, Wissen, Moral und Künste bilden dort ein stimmiges Ganzes. Die biblischen Zitate — Salomo, Psalm 37 — fügen dem Bild das Wort hinzu und stellen das Haus unter das Zeichen der Weisheit. Die drei Krieger der Ecke schließlich sind nicht nur eine Zimmermannsleistung: Am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges bekunden sie Stärke, Wachsamkeit, vielleicht Schutz. In einem Privathaus ist eine solche Entfaltung ein Akt der Bildung ebenso wie des Reichtums: zu zeigen, dass man besitzt, aber auch, dass man weiß.
Warum dieser Ort zählt
Weil das Eickesche Haus einer der absoluten Höhepunkte des geschnitzten Renaissance-Fachwerks Norddeutschlands ist und durch seine Ecklösung ein einzigartiger Fall. Es zeigt, wie weit der Ehrgeiz eines Kaufmanns des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts reichen konnte und wie eine hölzerne Fassade zu einer Bild-Enzyklopädie werden konnte. Als Baudenkmal von nationaler Bedeutung ist es, mit dem Alten Rathaus, das Hauptstück der Renaissance Einbecks.

