In der gotischen Halle von St. Jacobi zu Göttingen ließen die Familien der Stadt ihre Renaissance-Grabmäler meißeln und reihten ihre Namen unter dem hohen Turm auf. Als Handels- und später Gelehrtenstadt schreibt Göttingen hier das Gedächtnis ihrer Honoratioren an der Schwelle der Neuzeit ein. Man geht von einem Epitaph zum nächsten, als blättere man ein steinernes Register durch.
Was man sehen sollte
Zuerst ist der Turm zu sehen, 72 Meter hoch, von 1426 bis 1433 vom Werkmeister Hans Rutenstein errichtet: Er kündigt die Kirche von Weitem an. Im Inneren ist der Bau eine gotische Halle (1361-1433), weit und licht. Der Chor birgt das berühmteste Stück der Kirche, den Flügelaltar von 1402, der die Jakobuslegende und die Passion entfaltet: Doch es sei klar gesagt, dieses Meisterwerk ist gotisch, älter als unsere Periode — man bewundert es um seiner selbst willen, nicht als Renaissancewerk.
Was dem 16. Jahrhundert angehört, sind die Grabdenkmäler. Im Schiff und an den Wänden bewahren die Grabsteine und Epitaphe des 16. und 17. Jahrhunderts das Gedächtnis der Göttinger Patrizier: so der Stein des Ludolph Fischer († 1607), mit einem Ganzfigurenrelief, auf dem der Verstorbene stehend, in Lebensgröße, dargestellt ist. Diese Denkmäler sind der eigentliche Renaissancebeitrag der Kirche: kein Gesamtdekor, sondern eine Galerie steinerner Porträts, in die das Bürgertum der Stadt seinen Rang und seinen Glauben einschreibt. (Die neugotische Kanzel um 1900 und die modernen Fenster sind weit später.)
Geschichte
St. Jacobi ist eine der großen Pfarrkirchen Göttingens, einer Hansestadt, lange bevor sie viel später eine Universitätsstadt wurde. Die gotische Halle wird von 1361 bis 1433 erbaut, der Turm 1433 vollendet. Im 16. Jahrhundert nimmt Göttingen die Reformation an (um 1529-1542): Wie andernorts ändert die Kirche ihre Nutzung — man predigt auf Deutsch, die Messe weicht der Predigt — ohne dass man sie neu baut. Aus dieser Zeit und den folgenden Jahrzehnten stammen die Grabdenkmäler des Schiffs.
Der Turm wurde mehrfach vom Blitz getroffen (1479, 1555, 1642) und erhielt 1697 seinen heutigen Fachwerkaufsatz. Die Kirche überdauerte die Jahrhunderte als Wahrzeichen und Gedächtnisort der Stadt; ihre den Umgestaltungen entgangenen Renaissance-Grabsteine sind ein kostbares Zeugnis der städtischen Gesellschaft des 16. Jahrhunderts, in der Stunde, da die Reformation das Verhältnis der Lebenden zu den Toten neu bestimmte.
Symbole und Geheimnisse
St. Jacobi bezeugt den Wandel des Totengedächtnisses in der protestantischen Renaissance. Vor der Reformation betete man für die Verstorbenen; danach gedenkt man ihrer. Die Ganzfiguren-Grabsteine, wie der des Ludolph Fischer (1607), sind Ausdruck dieser neuen Frömmigkeit: Der Verstorbene erscheint stehend, standesgemäß gekleidet, nicht als Flehender, sondern als Zeuge eines ehrbaren Lebens. Das Geheimnis des Ortes liegt in diesem Kontrast: ein gotischer Flügelaltar von 1402 im Chor, für die alte Frömmigkeit; steinerne Porträts des 17. Jahrhunderts im Schiff, für das bürgerliche und protestantische Gedächtnis. Zwei Zeitalter des Glaubens unter einem Gewölbe.
Warum dieser Ort zählt
Weil St. Jacobi Göttingen die Renaissance durch ihre Grabdenkmäler zeigt und nicht durch einen Gesamtdekor: Der Ganzfiguren-Grabstein wird hier zur Gattung, in der das städtische Bürgertum seine Existenz behauptet. So ergänzt die Kirche das Gebiet um das Gesicht einer großen, zur Reformation übergegangenen Hansestadt, in der das 16. Jahrhundert weniger in der Architektur als in der Galerie der steinernen Porträts zu lesen ist. Man unterscheidet dort deutlich das Gotische (der Altar von 1402, die Halle) vom Renaissancehaften (die Denkmäler) — eine nützliche Lehre der Schichtung.

