In Gifhorn schafft sich Herzog Franz von Braunschweig-Lüneburg um 1525-1581 eine von Basteien und Gräben umgürtete Residenzfestung am Kreuzweg der Heidestraßen. Zugleich feste Burg und Schloss, bewahrt sie die Renaissance-Kapelle und die Wohntrakte eines Fürsten, der seinen eigenen Hof wollte. Hinter den Wällen spürt man den Ehrgeiz eines nachgeborenen Herzogs, der sein Land begründet.
Was man sehen sollte
Gifhorn ist ein Festungsschloss der Renaissance: ein trapezförmiger Grundriss, von breiten Gräften umgeben, mit Eckbastionen und Kasemattengängen. Zu sehen ist zuerst das Torhaus, der 1526 vollendete Torbau, dessen großer Halbkreisgiebel und dessen Relief den Eingang ankündigen — eines der kennzeichnendsten Stücke des Schlosses. Dann durchquert man den Hof, von den herzoglichen Wohnbauten gesäumt; der Treppenturm mit Wendeltreppe stammt von 1568, das Kommandantenhaus von 1581.
Das Juwel ist die Schlosskapelle, 1547 geweiht: einer der allerersten für den protestantischen Gottesdienst errichteten Kirchenbauten Norddeutschlands und damit ein kostbarer Zeuge der fürstlichen Reformation. So verbindet die Anlage zwei Bestimmungen: die Verteidigung, ablesbar an Bastionen und Gräften, und die Residenz, ablesbar an Wohnbauten und Kapelle. Das Schloss beherbergt heute die Kreisverwaltung, ein Museum und Veranstaltungsräume, doch seine Struktur des 16. Jahrhunderts bleibt vollkommen lesbar.
Geschichte
Ein Wasserschloss bestand hier schon um das Jahr 1000, und der Ort wird 1296 als Castrum Gifhorne genannt. Nach der Zerstörung von 1519 (Hildesheimer Stiftsfehde) beginnen die Herzöge Ernst der Bekenner und Otto ab 1525 den Wiederaufbau zur modernen Festung. Vor allem Herzog Franz von Braunschweig-Lüneburg, der von 1539 bis 1549 in Gifhorn residiert, baut das Schloss aus und macht es zum Fürstensitz. Die Kapelle wird 1547 geweiht; überliefert ist, dass im selben Jahr, während des Schmalkaldischen Krieges, Luthers Witwe Katharina von Bora hier Zuflucht gefunden haben soll.
Die Festung Gifhorn übersteht das 16. Jahrhundert, ohne je eingenommen zu werden, trotz mehrerer Belagerungen: ein Zeichen für die Güte ihrer für die Pulverartillerie gedachten Bastionärbefestigung. Nach dem Tod Herzog Franz' hört Gifhorn auf, ständige Residenz zu sein, bleibt aber ein fester Platz und Verwaltungssitz. In den folgenden Jahrhunderten verliert es seine militärische Funktion und wandelt sich zum Verwaltungs- und Kulturbau, eine Nutzung, die es bis heute bewahrt.
Symbole und Geheimnisse
Gifhorn bezeugt das Doppelgesicht des Renaissancefürsten: Feldhauptmann und Reformator. Die Festung mit ihren Bastionen und Kasematten zeigt die Beherrschung der neuen Kriegskunst; die Kapelle von 1547 zeigt das Bekenntnis zur lutherischen Reformation, deren eifrige Anhänger die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg sind (Ernst heißt „der Bekenner"). Der Halbkreisgiebel des Torhauses, eine aus dem Süden stammende gelehrte Form, zeigt, dass man hier „modern" baut und zugleich den Platz verteidigt. Das Schloss ist ein Manifest: Hier schützt man den Leib und bekennt den Glauben.
Warum dieser Ort zählt
Weil Gifhorn die Reihe der Schlösser des Gebiets um einen anderen Typus ergänzt: nicht das Prunk-Wasserschloss des Weseradels, sondern das Festungsschloss eines reformierten Fürsten. Seine Kapelle von 1547 ist überdies ein Markstein der Geschichte des protestantischen Gottesdienstes: eine neue Kirche für die Reformation zu bauen, Mitte des 16. Jahrhunderts, ist noch selten. So lassen sich in Gifhorn die beiden großen Angelegenheiten des Jahrhunderts in Norddeutschland zusammen lesen: der Krieg und der Glaube.

