Atelier anonyme, probablement autrichien — avant 1514, Museum für Kunst und Gewerbe, Hambourg.
Kontext
Dieses vor 1514 entstandene Reliquiar wird im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg aufbewahrt, in der Sammlung des europäischen Kunsthandwerks und der Skulptur. Es ist kein kostbares Goldschmiedewerk, sondern ein Gegenstand aus Waldglas, einem in zeitweiligen Waldglashütten erzeugten Material. Seine Form ist die eines „Krautstrunks“, eines bauchigen, mit Nuppen besetzten Bechers, wie er für die spätmittelalterliche deutschsprachige Glaskunst kennzeichnend ist. Seine Herkunft ist wahrscheinlich österreichisch: Dieser Umstand muss ausdrücklich bleiben, denn Herstellungs- und Aufbewahrungsort fallen nicht zusammen. Das Objekt gehört dem Übergang zur Renaissance im deutschsprachigen Raum an. Da es eine Pergamentrolle mit der Reliquienliste einer Kirche enthielt, verbindet es die Schlichtheit des Materials mit einer heiligen Funktion und bezeugt einen andächtigen Gebrauch des gewöhnlichen Glases.
Bedeutung
Das Objekt kehrt die Erwartung um: ein gewöhnliches Waldglas, kein kostbares Metall, um das Heiligste zu bergen. Das eingeschlossene Pergament — das Reliquienverzeichnis einer Kirche — macht den Becher ebenso zum Dokument wie zum Behältnis. In der Andachtskultur vor der Reformation galt die Reliquienliste als Nachweis: Das Glas bewahrte das Gedächtnis und die Echtheit des heiligen Schatzes.
Bemerkenswerte Elemente
Der bauchige grüne Glaskörper ist mit aufgesetzten Nuppen besetzt, daher der Name „Krautstrunk“. Das Behältnis war mit einem bräunlichen Pfropfen verschlossen, der ein rotes Wachssiegel trug und die Unverletzlichkeit des Inhalts verbürgte. Im Inneren zählte die handgeschriebene Pergamentrolle die bewahrten Reliquien auf.
Symbolik
Das rote Wachssiegel versiegelt ebenso, wie es beglaubigt: Es verbürgt, dass niemand die Reliquien berührt hat. Die alltägliche Becherform, zum Reliquiar umgewidmet, zeigt, wie ein Gebrauchsgegenstand durch seine Funktion heilig werden konnte. Die Durchsichtigkeit des Glases schließlich lässt den Inhalt erahnen, ohne ihn preiszugeben, zwischen Zeigen und Geheimnis.
Geheimnisse
Die Herkunft des Glases gilt nicht als gesichert: Die Quellen nennen sie „wahrscheinlich österreichisch“, und diese Vorsicht ist beizubehalten. Der Inhalt selbst — die Pergamentrolle mit der Reliquienliste — macht es zu einem materiellen Rätsel: Man weiß, was das Objekt barg, ohne die Liste stets einer bestimmten Kirche zuordnen zu können.
Emotionen
Von diesem kleinen Objekt geht eine widersprüchliche Rührung aus: die Zerbrechlichkeit des grünen Glases, bescheiden und durchscheinend, beladen mit dem Ernst eines heiligen Inhalts. Es berührt der Gegensatz zwischen der Schlichtheit des Materials und der Sorgfalt — Pfropfen, Siegel, Pergament —, mit der das Bewahrte geschützt wurde.
Führung
Betrachten Sie die genuppte Form: Es ist ein „Krautstrunk“, ein im Spätmittelalter weit verbreiteter Waldglasbecher. Denken Sie ihn sich nicht auf einem Tisch, sondern mit einem rotem Wachspfropfen versiegelt, eine Pergamentrolle bergend: die Reliquienliste einer Kirche. Beachten Sie zuletzt, dass dieses Glas wohl aus Österreich stammt, heute aber in Hamburg bewahrt wird: Das Objekt ist gewandert.
Anekdote
Der Begriff „Krautstrunk“ bezeichnet die Familie der mit Nuppen besetzten deutschen Becher: Hier wurde ein gewöhnliches Tischgefäß durch seinen Inhalt in den Rang eines Reliquiars erhoben.
