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Renaissance-Malerei

Der Kaufmann Georg Gisze

Der Kaufmann Georg Gisze

In einem mit Gegenständen gefüllten Londoner Kontor hebt ein junger deutscher Kaufmann kaum den Blick von seinen Briefen. Hans Holbein der Jüngere malt 1532 eines der berühmtesten Bildnisse der nordischen Renaissance, heute in der Berliner Gemäldegalerie. Alles darin spricht: die Waage, das Siegel, die Blumen. Selten wurden ein Mensch und seine Welt so genau erfasst.

Was man sehen sollte

Der Dargestellte sitzt im Zentrum, in dunklem Seidenwams und schwarzer Schaube, hinter einem mit Orientteppich bedeckten Tisch. Um ihn herum breitet Holbein das vollständige Gerät des Kaufmanns aus: Kontobücher, Münzen, Wachssiegel, ein Bindfadenknäuel, Schere, Feder und Tintenfass sowie an der Wand mit Bändern befestigte Briefe. Am meisten bewundert wird das leicht geneigte venezianische Glasgefäß mit Nelken und Rosmarin; die Durchsichtigkeit des Wassers und die Reflexe des Glases sind mit verblüffender Virtuosität wiedergegeben. Nehmen Sie sich Zeit zum Lesen: Die Briefe tragen Adressen, die Uhr zeigt die Stunde, eine lateinische Inschrift läuft über die Wand. Das Bildnis liest sich ebenso als Inventar wie als Gesicht.

Geschichte

Georg Gisze (Giese), aus einer Danziger Kaufmannsfamilie, leitet über ein Jahrzehnt lang das Familienkontor im Stalhof, dem Freiviertel der Hansekaufleute in London. Dort malt ihn Holbein 1532, im Rahmen einer Reihe von Stalhof-Bildnissen. Die Blumen im Glas – Zeichen der Treue – lassen vermuten, dass das Bild im Hinblick auf seine Heirat entstand: 1535 heiratet Gisze eine in Danzig gebliebene Verlobte. Später gelangt das Werk in die preußischen königlichen Sammlungen, deren Erbin die Gemäldegalerie ist.

Symbole und Geheimnisse

Nichts in diesem Beiwerk ist zufällig. Nelke und Rosmarin stehen für Liebe und Beständigkeit; Waage und Siegel für Genauigkeit und das gegebene Wort des Kaufmanns; Uhr und Wahlspruch für die Vergänglichkeit. Die Wandinschrift, oft als „Nulla sine merore voluptas" („keine Freude ohne Kummer") überliefert, wirkt wie ein persönliches Wort, das die Zurschaustellung des Erfolgs mildert. Die gemalten Briefe mit teils lesbaren Adressen halfen Historikern, das Handelsnetz des Dargestellten zu rekonstruieren. Holbein signiert und datiert das Bild innerhalb der Fiktion, wie einen Zettel unter den Papieren.

Warum dieses Werk zählt

Gisze ist einer der Höhepunkte des Porträts der nordischen Renaissance. Holbein verbindet psychologische Ähnlichkeit und stoffliche Beschreibung: Man glaubt den Menschen zu kennen und Glas und Papier berühren zu können. Das Bild dokumentiert zugleich eine Welt, die der Hanse und ihrer Kontore, eines Handelsnetzes, das Nordeuropa durchzog. Durch seine illusionistische Vollkommenheit hat es das Bild der deutschen Malerei des 16. Jahrhunderts nachhaltig geprägt und bereitet von fern das kommende Stillleben vor. Wenige Werke fassen Gesicht, Beruf und Epoche so dicht zusammen – darum zählt Georg Gisze zu den Leitbildern der Gemäldegalerie.

Siehe auch