Alte Frauen kommen auf Schubkarren und Bahren an; sie steigen in ein großes Becken und steigen jung und schön wieder heraus, um zu tanzen und zu schmausen. 1546, ein Jahr vor seinem Tod, malt Lucas Cranach d. Ä. dieses große, faszinierende Bild, heute in der Berliner Gemäldegalerie. Fabel, Satire, menschlicher Traum: Alles liest sich von links nach rechts.
Was man sehen sollte
Das Bild entfaltet sich in die Breite wie eine Erzählung. Links, in einer Landschaft kahler Felsen, werden alte und geschwächte Frauen zum Becken gebracht, entkleidet, von einem Arzt untersucht. In der Mitte vollzieht das Wasser die Verwandlung: Die Körper festigen sich, verjüngen sich, während sie das Becken durchqueren, in dessen Mitte eine Statue von Venus und Cupido steht. Rechts, in üppiger Natur, steigen die wieder jungen Frauen aus dem Wasser, kleiden sich unter einem Zelt an und mischen sich dann unter die Männer zu einem Festmahl, Tänzen und Liebschaften. Unten das geflügelte Schlangenzeichen Cranachs und das Datum 1546.
Geschichte
Das Thema des Jungbrunnens, der denen, die darin baden, die Jugend zurückgibt, ist sehr alt und durchzieht das ganze Mittelalter. Lucas Cranach d. Ä., Hofmaler der sächsischen Kurfürsten in Wittenberg, und seine Werkstatt hatten es schon behandelt. Diese monumentale Fassung von 1546 ist die vollendetste. Das Werk auf Lindenholz gehört zu den Berliner Sammlungen und zählt zu den bekanntesten Bildern des Meisters.
Symbole und Geheimnisse
Unter der Fabel verbirgt sich eine ironische Betrachtung. Das Wasser verwandelt die Körper, nicht die Charaktere: Die Satire menschlicher Eitelkeit ist nie weit. Bemerkenswert ist, dass nur Frauen baden; die Männer verjüngen sich durch den Umgang mit den wieder jungen Frauen, in den Vergnügungen der rechten Bildhälfte. Die Gegenwart der Venus in der Mitte weist den Schlüssel: Es ist die Liebe, mehr als das Wasser, die die wahre Quelle der Jugend ist. Die selbst in zwei Teile gespaltene Landschaft übersetzt bildlich den Übergang vom Alter zur Wiedergeburt.
Warum dieses Werk zählt
Der Jungbrunnen ist einer der Höhepunkte der deutschen Erzählmalerei des 16. Jahrhunderts. Er verdichtet eine Vorstellungswelt – den Wunsch, der Zeit zu entkommen – mit seltener Verve, Zärtlichkeit und moralischer Klarsicht. Als spätes Vermächtnis einer sehr großen Werkstatt veranschaulicht er vortrefflich Cranachs Kunst, zugleich höfisch, humanistisch und erzählerisch. Wenige Bilder sprechen so gut vom ewigen menschlichen Wunsch, das Leben neu zu beginnen – darum bleibt der Jungbrunnen einer der Schätze der Gemäldegalerie.

