Im Städel Museum zu Frankfurt ist die „Venus" von Lucas Cranach dem Älteren, datiert 1532, eine kleine Tafel von weniger als vierzig Zentimetern, auf der die Göttin allein, nackt, vor einem fast schwarzen Grund erscheint. Cranach zieht hier auf eine einzige Figur die ganze Kunst des Akts zusammen, die seine Wittenberger Werkstatt berühmt machte.
Was man sehen sollte
Das Werk überrascht zuerst durch seine Größe: kaum größer als ein kleines Blatt, verlangt es, dass man herantritt. Venus steht frontal, der blasse Körper in den gelängten, grazilen Proportionen, die Cranachs Signatur sind. Ein durchscheinender Schleier, einiger Schmuck und ein breiter Hut spielen mit der Nacktheit, statt sie zu verhüllen — die Kleidung selbst wird zur Verfeinerung der Verführung. Der tiefschwarze Grund ohne Landschaft isoliert jede Kontur und lässt die helle Inkarnation wie eine Erscheinung leuchten. Der Blick der Göttin, leicht schräg, richtet sich unmittelbar an den Betrachter: weder dargeboten noch ausweichend, hält er ebenso auf Abstand, wie er anzieht. Suchen Sie unten rechts die Signatur mit der geflügelten Schlange, dem Emblem der Werkstatt. In Tempera und Öl auf Buchenholz gemalt, war diese kleine, kostbare Tafel für die nahe Betrachtung eines Sammlers gemacht, in der Vertraulichkeit eines Kabinetts.
Geschichte
Lucas Cranach der Ältere (1472-1553), offizieller Maler der sächsischen Kurfürsten und Luther nahe, leitete in Wittenberg eine der größten Werkstätten der deutschen Renaissance. Schon 1509 griff er das Venus-Thema auf, das er dann in zahllosen Varianten für die Höfe und Liebhaber Europas durchspielte: Das Motiv erlaubte, den bei Humanisten begehrten antikischen Akt mit einem von Sammlern gesuchten Format zu verbinden. Die 1532 datierte „Venus" trägt im Städel die Inventarnummer 1125; die dendrochronologische Analyse der Tafel, deren jüngster Ring auf 1529 zurückgeht, bestätigt die Datierung. Das Werk gelangte 1878 als Geschenk des Frankfurters Moritz Gontard ins Museum. Das Städel, 1815 durch das Vermächtnis des Bankiers Johann Friedrich Städel gegründet, ist die älteste bürgerliche Museumsstiftung Deutschlands und der wichtigste Renaissance-Bestand Hessens: Diese Venus steht dort neben weiteren Cranach, neben Holbein dem Älteren und Conrad Faber.
Symbole und Geheimnisse
Hinter der Anmut legt Cranach eine für seine Kunst typische Zweideutigkeit an. Viele seiner Venus-Bilder trugen eine lateinische Inschrift, die aufforderte, die Wollust zu fliehen: Die Göttin ist nicht nur schön, sie ist eine Warnung, eine elegante, dem Blick gestellte Falle. Indem er hier Cupido tilgt, der sie fast immer begleitet, isoliert der Maler die reine Verführung und lässt die Figur dem Betrachter allein begegnen. Das konkreteste Geheimnis der Tafel ist jedoch technisch: Das Holz selbst hat gesprochen, die Dendrochronologie steckte den Datierungshorizont ab. Die geflügelte Schlange wiederum erinnert daran, dass das Werk aus einer wie ein Unternehmen organisierten Werkstatt stammt, fähig, dasselbe Motiv auf Bestellung zu wiederholen und zu variieren. Ein bewusstes Paradox: Der Maler der Reformation, Freund und Porträtist Luthers, schuf ohne Scheu diese heidnischen Akte für das Vergnügen der Fürsten.
Warum dieses Werk zählt
Die „Venus" des Städel ist eines der Meisterwerke Cranachs, die im hessischen Gebiet blieben, und ein Musterbild des mythologischen Akts der nordischen Renaissance. Sie zeigt, wie das Deutschland des 16. Jahrhunderts gegenüber Italien ein anderes Ideal des Körpers erfand: nicht die fleischliche Fülle, sondern eine lineare, kühle und raffinierte Eleganz. Für den Atlas gilt diese kleine Tafel ebenso wegen ihrer Qualität wie wegen dessen, was sie über eine Werkstatt und eine Epoche sagt, in der antike Gelehrsamkeit, Sammlergeschmack und moralische Lehre in einem einzigen Bild zusammenfanden.

