In Steinau, an der Straße von Frankfurt nach Leipzig, verwandeln die Grafen von Hanau ab 1525 ihre alte Burg in einen von Basteien umgürteten Renaissance-Wohnsitz. Graben, fünfseitige Umwallung, Ecktürme: Hier hat die Wohnlichkeit den Krieg nicht verabschiedet, sondern gezähmt. Es ist eine der vollständigsten Renaissance-Anlagen Hessens, fast zur Gänze erhalten.
Was man sehen sollte
Zuerst fällt der Grundriss ins Auge: fünf unregelmäßige Seiten, vier Eckbauten, die wie Bastionen in den Graben vorspringen, und zwei Torbauten im Norden und Süden. Diese Geometrie ist kein Zierwerk. Sie übernimmt das Formenvokabular der frühen italienischen Festungen, die für die Artillerie gedacht waren, und überträgt es auf einen fürstlichen Wohnsitz. In der Mitte steht der Bergfried, ein quadratischer Turm mittelalterlichen Ursprungs, rund vierzig Meter hoch, bekrönt von einem achteckigen Fachwerkaufsatz und einer Türmerstube; 1571 wurde ihm ein Treppenturm angefügt. Ringsum fassen die vier Flügel einen Hof ein; der Trockengraben, der Hirschgraben, erreicht stellenweise eine Breite von etwa zwanzig Metern und wird über Brücken überquert. Der Blick bleibt auch an den Giebeln, den Fenstergewänden und den inneren Treppentürmen hängen, die die Geschosse erschließen.
Geschichte
Der Ort geht auf eine mittelalterliche Burg zurück, lange mit den Interessen der Abtei Fulda verbunden und durch Heirat an das Haus Hanau gelangt. Erst im 16. Jahrhundert erhält die alte Burg ihr heutiges Gesicht. Graf Philipp II. von Hanau-Münzenberg beginnt den Bau: Der Westflügel mit seinem großen Saal entsteht zwischen 1523 und 1528. Nach einer Unterbrechung werden die Arbeiten fortgesetzt — der Küchenbau entsteht um 1542-1546 — und schließlich unter Philipp III. vollendet: Der Nord- und der Ostflügel werden zwischen 1551 und 1553 errichtet, in jener Zeit, in der die Anlage ihre fünfseitige, bastionierte Form annimmt. Die Ausführung wird einem Baumeister namens Asmus zugeschrieben. Über die Jahrzehnte dient Steinau als Nebenresidenz der Grafen und später als Witwensitz ihrer Gräfinnen. Nach dem Erlöschen der Linie Hanau-Münzenberg wechselt die Anlage den Besitzer; heute wird sie vom Land Hessen verwaltet und beherbergt ein Museum.
Symbole und Geheimnisse
Steinau verdichtet einen Übergang: den der Burg, die zum Renaissanceschloss wird, ohne ihre Wehrhaftigkeit aufzugeben. Der bewahrte und erhöhte mittelalterliche Bergfried steht im Dialog mit den modernen Flügeln; die Eckbastionen übersetzen die neue Angst vor der Artillerie in Stein, während die großen Säle und Treppen den Wohnkomfort ankündigen. In diesem Kompromiss liest man den Ehrgeiz eines gräflichen Hauses, das zugleich glänzen und sich schützen, das modische italienische Vokabular zeigen und eine Stellung an einer strategischen Handelsstraße halten will.
Warum dieser Ort zählt
Nur wenige Residenzen Hessens zeigen den Weg vom Mittelalter zur Renaissance so deutlich. Durch seine Größe, seine Geschlossenheit und seinen Erhaltungszustand dient Steinau als Bezugspunkt, um zu verstehen, wie die Territorialdynastien des Reiches schon im frühen 16. Jahrhundert die aus Italien kommenden Formen übernahmen. Es ist ein Markstein der deutschen Herrschaftsarchitektur und das bauliche Zeugnis eines Hauses — Hanau-Münzenberg —, dessen Prestige sich in Stein einschrieb, bevor es erlosch.

