1572 nimmt der Werkmeister Leonhard Weidmann die Herausforderung seines Lebens an: den 1501 abgebrannten Ostflügel des Rathauses durch einen zeitgemäßen Bau zu ersetzen. Er errichtet eine Renaissancefassade, die die Forschung Nickel Hofmann aus Halle annähert, und dahinter den Kaisersaal und die Keller des Historiengewölbes. Daneben erinnern der alte gotische Teil und der Weiße Turm an das, was war. Rothenburg baut sich wieder auf, indem es sich modernisiert — und diese örtliche Geste wird fern widerhallen: Der Weiße Turm wurde für den deutschen Pavillon der Weltausstellung in Chicago 1893 nachgebildet.# Rathaus Rothenburg ob der Tauber (Renaissance-Flügel)Am Marktplatz von Rothenburg erzählt das Rathaus zwei Epochen nebeneinander: die gotische Masse mit ihrem Weißen Turm und, daran gelehnt, einen nach einem Brand errichteten Renaissance-Flügel. Hier, um 1572, gab sich die Reichsstadt ein neues Gesicht.
Was man sehen sollte
Lernen Sie, das Nebeneinander zu lesen. Auf der einen Seite der alte, gotische Teil, überragt vom Wachtturm (Weißer Turm, dessen Gestalt 1555/58 festgelegt wurde) und seinem großen Saal. Auf der anderen der Renaissance-Flügel, ein dreigeschossiger Steinbau mit achteckigem Treppenturm in der Mitte und Eckerker im Südosten. Davor, zur Platzseite, wurde 1681 eine Arkadenhalle angefügt: Über den Bögen suche man die Wappen der sieben Kurfürsten. Im Inneren vervollständigen der Kaisersaal und die Keller (das Historiengewölbe, das an den Dreißigjährigen Krieg erinnert) den Rundgang. Der Gegensatz der beiden Baukörper ist gerade das, was den Reichtum des Denkmals ausmacht.
Geschichte
Der gotische Teil des Rathauses reicht ins späte 14. Jahrhundert zurück. Doch der östliche, ebenfalls gotische Teil brennt 1501 ab. Die Stadt beschließt, ihn ab 1572 im Renaissance-Stil wiederaufzubauen: Es ist der Flügel, den man heute bewundert, um 1578 vollendet. Der örtliche Baumeister Leonhard Weidmann ist eng mit dem Bau verbunden; die Kunstgeschichte rückt den Gesamtentwurf jedoch in die Nähe Nickel Hofmanns aus Halle an der Saale — desselben Meisters, den man in Schweinfurt wiederfindet. 1681 wird zur Platzseite eine Arkadenhalle angefügt. Der Turm des Rothenburger Rathauses war berühmt genug, um 1893 dem Architekten des deutschen Pavillons der Weltausstellung in Chicago als Vorbild zu dienen.
Symbole und Geheimnisse
Den abgebrannten Teil in der Renaissance wiederaufzubauen, statt die Gotik zu wiederholen, ist eine vielsagende Wahl: Rothenburg will seine Modernität zeigen, den großen Städten gleich. Die Wappen der sieben Kurfürsten an der Halle erinnern an die Reichsordnung, in die sich die freie Stadt einfügt und in der sie ihren Platz beansprucht. Das Nebeneinander des mittelalterlichen Turms und des Renaissance-Flügels ist selbst eine Erzählung: die einer Stadt, die das Gedächtnis ihrer Vergangenheit bewahrt und sich zugleich der Zukunft zuwendet. Die Keller, heute dem Dreißigjährigen Krieg gewidmet, bewahren die Erinnerung an die Prüfungen des folgenden Jahrhunderts.
Warum dieser Ort zählt
Der Renaissance-Flügel des Rothenburger Rathauses ist eines der großen Profandenkmäler der fränkischen Renaissance und ein Lehrstück stilistischer Juxtaposition. Er zeigt, wie eine Reichsstadt nach einem Unglück die Gelegenheit ergreifen konnte, sich in der neuen Sprache des 16. Jahrhunderts zu modernisieren, ohne ihr gotisches Erbe zu verleugnen. Im Herzen einer der besterhaltenen Altstädte Deutschlands bleibt er ein Wahrzeichen und ein Höhepunkt der öffentlichen Renaissance-Architektur.

