Öffnen Sie die Tür eines Kabinetts, das hier kaum ein Besucher vermutet: Hinter dem Prunk des Rittersaals unterhält Graf Wolfgang II. von Hohenlohe Öfen, Destillierkolben und Herbarien. Aus Frankreich, England und Österreich zurückgekehrt, hält dieser allseits neugierige Fürst Alchemie und Naturkunde für ernste Dinge, und er selbst lenkt eigenhändig das Programm seines Schlosses. Während im großen Saal Hirsche und Wildschweine aus Stuck unter einer stützenlosen Decke aus den Wänden springen, weiß der Laborant, der in die Glut bläst, dass bei diesem Herrn Jagd, Chemie und Wissen demselben Hunger entspringen: die Welt zu begreifen und zu besitzen.# Schloss WeikersheimAm Ende des Weikersheimer Marktplatzes, im Taubertal, öffnet sich der Hof eines Schlosses, das die Wiege des Hauses Hohenlohe war. Von 1595 bis 1605 ließ Graf Wolfgang II. hier eine Renaissance-Residenz um ältere mittelalterliche Türme errichten — und im Herzen des Neubaus einen der schönsten Prunksäle Süddeutschlands: den Rittersaal, in dem ein Wald von Jagdtieren aus Stuck unter einer gewaltigen bemalten Decke aus den Wänden tritt.
Was man sehen sollte
Treten Sie in den Rittersaal: fast vierzig Meter lang, und sogleich ist das Auge gefangen. Blicken Sie auf zur Kassettendecke — eine freitragende Konstruktion ohne eine einzige Stütze am Boden, vom Stuttgarter Zimmermeister Elias Gunzenhäuser ersonnen, deren jedes Feld eine von Balthasar Katzenberger gemalte Szene trägt. Dann die Wände: lebensgroße Jagdtiere aus Stuck — Hirsche, Wildschweine, Steinböcke — springen vollplastisch aus der Mauer, wie mitten im Sprung überrascht. Beiderseits des großen, von Michael Juncker gehauenen Kamins zieht sich die Ahnengalerie der Hohenlohe hin, eine Reihe von Bildnissen, die an die wiedergewonnene Einheit des Geschlechts erinnert.
Treten Sie in den Hof hinaus: Der Renaissanceflügel schmiegt sich an die älteren Türme, und der alte Staufer-Bergfried ragt noch inmitten des neuen Dekors auf. Weiter dehnt sich der Garten — doch er stammt aus anderer Zeit, barock, ein Jahrhundert nach dem Saal angelegt: Suchen Sie dort nicht die Renaissance, sie steckt im Stein und Stuck des Wohnbaus.
Geschichte
Die Hohenlohe erscheinen seit dem 12. Jahrhundert in den Urkunden, und Weikersheim ist ihr Stammsitz. 1586 verlegt Graf Wolfgang II. von Hohenlohe-Langenburg (1546-1610) seine Residenz hierher. Als gebildeter Fürst, der Frankreich, England und Österreich bereist hat, interessiert er sich für Naturwissenschaft, Alchemie und Gärten. Ab 1595 lässt er die alte Burg in ein modernes Schloss verwandeln und bindet die bestehenden Türme in einen neuen Prunkflügel ein. Um 1605 ist das Wesentliche vollendet.
Der Bau versammelt Künstler der ganzen Region: Gunzenhäuser für das Deckenwerk, Katzenberger für die Malerei, Juncker für den Kamin, Gerhard Schmidt für den Stuck der Kapelle. Wolfgang II. stirbt 1610, am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, der Franken hart treffen wird. Seine zweite Blüte — den Barockgarten mit der berühmten Zwergengalerie — erlebt das Schloss erst im frühen 18. Jahrhundert unter Graf Carl Ludwig. Seit 1967 im Besitz des Landes Baden-Württemberg, ist Weikersheim heute möbliert zu besichtigen.
Symbole und Geheimnisse
Warum so viel Jagd im Ehrensaal? Weil die Jagd ein herrschaftliches Vorrecht war, eine edle Kunst wie ein Vergnügen: Die Wände mit ihrer Beute zu bedecken, hieß, den Rang zu zeigen. Und die Ahnengalerie um den Kamin ist kein bloßer Schmuck: Wolfgang II. hatte zerstreute Zweige seines Hauses wieder vereint, und die Vorfahren aufzureihen hieß, die wiedergewonnene Beständigkeit und Legitimität eines Geschlechts in Stein zu schreiben. Der ganze Saal ist ein Manifest: Das sind wir, daher kommen wir, das besitzen wir.
Warum dieser Ort zählt
Weil der Rittersaal von Weikersheim zu den Gipfeln der Renaissance-Ausstattung im Süden Deutschlands zählt — man vergleicht ihn mit dem Festsaal von Schloss Heiligenberg. Er zeigt, was ein gräflicher Hof fern der großen Hauptstädte erreichen konnte, wenn ein gebildeter Fürst sich der Sache annahm. Weikersheim beweist, dass die deutsche Renaissance nicht nur eine Sache der Kurfürsten und Reichsstädte war: Sie blühte auch in den kleinen Residenzen Frankens.

