Steigen Sie zur Westempore, wo der Pilger den Blick zur Reliquie hebt: ein Tropfen vom Blut Christi, in ein Bergkristallkreuz gefasst, auf der Spitze des Retabels. Um sie zu bergen, bestellte der Rat von Rothenburg 1501 bei Tilman Riemenschneider den Heilig-Blut-Altar, 1505 vollendet. Der Meister verzichtete auf Farbe: Das Lindenholz bleibt nackt, einfarbig, und das Licht, das durch das durchbrochene Relief fällt, belebt das Abendmahl — in dem Judas, nicht Christus, die Mitte einnimmt. Selten: Die Stadt wurde 1544 reformiert, behielt aber ihre katholischen Retabel. Der Glaube wechselte; das Meisterwerk blieb.# Die Stadtkirche St. Jakob in RothenburgÜber den Dächern Rothenburgs erheben sich die beiden hohen Sandsteintürme von St. Jakob. Die Reichsstadt ist unversehrt geblieben, und ihre Kirche auch: eine gotische Halle, zwischen 1311 und 1484 errichtet, Station am Jakobsweg. Ihr Schatz ist ein hölzernes Retabel — der Heilig-Blut-Altar Tilman Riemenschneiders (1501-1505), einer der Gipfel deutscher Bildschnitzkunst an der Schwelle zur Renaissance.
Was man sehen sollte
Steigen Sie zur Westempore hinauf: Dort, erhöht, steht der Heilig-Blut-Altar. Tilman Riemenschneider erhielt ihn 1501 durch Vertrag; die Figuren waren 1505 vollendet. Er birgt in seinem Gesprenge ein Bergkristallkreuz (um 1270) mit der verehrten Reliquie — einem Tropfen vom Blut Christi. Doch das Herz des Werkes ist das Mittelrelief: das Abendmahl, mit erstaunlicher Freiheit gestaltet. Der Meister stellt Judas, nicht Christus, in die Mitte der Komposition, im Augenblick, da Jesus ihm den Bissen des Verrats reicht. Die eingegrabenen, nervösen Gesichter bleiben im nackten Lindenholz: Riemenschneider verzichtet auf Farbe und spielt mit dem Licht, das den durchbrochenen Schrein durchdringt.
Suchen Sie im Ostchor den Zwölf-Boten-Altar (1466), von Friedrich Herlin gemalt, mit einer Skulptur ulmischer Prägung: Er trägt die älteste bekannte Ansicht Rothenburgs und seltene Szenen der Compostela-Wallfahrt. Riemenschneider und seiner Werkstatt wird auch der Ludwig-von-Toulouse-Altar zugeschrieben. Die ganze Kirche ist ein aufgeschlagenes Buch sakraler Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts, bewahrt durch das Wunder einer verschonten Stadt.
Geschichte
Der Bau zog sich von 1311 bis 1484 hin: Der Ostchor wurde 1322 vollendet, das Hauptschiff zwischen 1373 und 1436, der Westchor mit der Heilig-Blut-Kapelle von 1453 bis 1471. 1485 weihte der Würzburger Bischof die Kirche. Rothenburg, wohlhabende Reichsstadt, machte sie zum Herd eines Reliquienkultes: Die über einem öffentlichen Durchgang errichtete Westkapelle war dazu bestimmt, den Pilgern den Tropfen des Heiligen Blutes zu zeigen.
In diesem Rahmen wurde Tilman Riemenschneider, der größte fränkische Bildhauer seiner Zeit, berufen. Sein 1501 bestelltes Retabel ist zeitgleich mit den ersten Vorstößen der Renaissance in Süddeutschland; es kündigt deren psychologische Freiheit an, ohne deren antikes Vokabular schon zu übernehmen. 1544 trat Rothenburg zur Reformation über. Gegen den anderswo wütenden Bildersturm bewahrte die Stadt ihre Altäre — sie wurden eher Denkmäler der Erinnerung als Kultgegenstände.
Symbole und Geheimnisse
Der Heilig-Blut-Altar ist eine Meditation über Verrat und Erlösung. Indem er Judas in die Mitte stellt, kehrt Riemenschneider die übliche Ikonographie um: Der Blick des Gläubigen fällt zuerst auf den Verräter und steigt dann zu Christus auf. Der Verzicht auf Farbe ist keine Sparsamkeit: Das nackte, lichtdurchflutete Holz gibt den Gesichtern eine unruhige, fast moderne Gegenwart. Die im Gesprenge geborgene Reliquie macht das Retabel zum monumentalen Reliquiar: Die Kunst dient hier dazu, das Unsichtbare zu zeigen.
Warum dieser Ort zählt
Weil Rothenburg eine spätmittelalterliche Wallfahrtskirche unversehrt bewahrt, und weil es eines der absoluten Meisterwerke germanischer Bildschnitzkunst birgt, gerade in dem Moment, da die Renaissance den Blick auf den Menschen verändert. Hier hört die Skulptur auf, ein Dogma zu illustrieren, und ergreift eine Seele.

