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Renaissance in Deutschland

Das Rathaus Bad Gandersheim

Bad Gandersheim

Das Rathaus Bad Gandersheim

In Bad Gandersheim verheert 1580 ein großer Brand das Herz der Stadt; das Rathaus ersteht sogleich in den neuen Formen der Renaissance wieder, an das Schiff der Marktkirche gelehnt. Wiederaufbauen hieß, die Ordnung einer Stiftsstadt dem Unglück entgegenzusetzen. Die schlichte Fassade kündet von der Zähigkeit einer Gemeinde, die ihren Platz auf der eigenen Asche neu errichtete.

Was man sehen sollte

Zuerst sind die farbenreichen Renaissance-Erker der Ost- und Südfassade zu betrachten. Ihre Gegenwart ist nicht nur schmückend: Herkömmlich zeigt der vorkragende Erker nach außen den dahinterliegenden Prunk- oder Ratssaal an. Hier markieren sie die Bedeutung der Innenräume eines Rathauses, das sorgfältig im Geschmack der Weserrenaissance wiederaufgebaut wurde.

Der zweite bemerkenswerte Zug ist die Entstehung des Gebäudes selbst: Nach dem Brand bezog die Stadt in ihr neues Rathaus das Schiff der alten Marktkirche St. Mauritius (auch Moritzkirche genannt) ein. Unter dem bürgerlichen Gewand liest man also die Spur eines Kirchenkörpers — ein seltenes architektonisches Palimpsest. Die am Bau eingetragenen Daten 1583 und 1589 legen die Kampagnen fest.

Geschichte

Bad Gandersheim ist eine alte Stiftsstadt: Ihr im 9. Jahrhundert gegründetes Stift (Reichsstift der Kanonissen) gab ihr Rang und Ruhm, nicht zuletzt durch Roswitha von Gandersheim (Hrotsvit), Kanonisse und erste Dramendichterin des mittelalterlichen Deutschland. Um das Stift entstand eine Stadt mit eigenem Rat.

1580 verwüstet ein verheerender Brand einen großen Teil der Altstadt, darunter ein erst kürzlich errichtetes Rathaus. Der Wiederaufbau erfolgt im Zentrum der Stadt: Statt neu zu beginnen, verwendet man das Schiff der Marktkirche St. Mauritius wieder, das man im Stil der Weserrenaissance umgestaltet und ergänzt. Die Kampagnen von 1583 und 1589 geben dem Bau seine Gestalt, die er bis heute nahezu unverändert bewahrt hat — was ihn zu einem kostbaren Zeugen des Wiederaufbaus einer deutschen Kleinstadt im späten 16. Jahrhundert macht.

Symbole und Geheimnisse

Das Rathaus Bad Gandersheim trägt ein doppeltes Gedächtnis in sich: das des Sakralen und das des Bürgerlichen. Indem die Stadt die städtische Macht in den Mauern einer alten Kirche unterbringt, vollzieht sie einen vielsagenden Wandel des späten 16. Jahrhunderts: Die Funktionen verteilen sich neu, der Rat lässt sich dort nieder, wo man betete, und der Sakralbau wird zum Gemeindehaus. Die farbigen Erker wiederum bekunden den Wunsch, nach dem Unglück schön und neu zu bauen: Die Renaissance ist nicht nur ein Stil, sondern eine Weise, die Erneuerung zur Schau zu stellen. Die nahezu unversehrte Erhaltung des Ensembles verleiht ihm einen Dokumentwert: Man sieht hier, erstarrt, den Zustand eines Rathauses der 1580er Jahre.

Warum dieser Ort zählt

Weil das Rathaus Bad Gandersheim ein Musterfall von Wiederverwendung und Widerstandskraft ist: ein bürgerlicher Bau, aus einer Kirche hervorgegangen, in einer nach dem Brand von 1580 wiederaufgebauten Stadt. Seine Renaissance-Erker und seine außergewöhnliche Erhaltung machen es zu einem unmittelbaren Zeugen der auf eine kleine Stiftsstadt angewandten Weserrenaissance. Es erzählt, besser als manches berühmtere Denkmal, wie sich die deutschen Städte von ihren Katastrophen erholten, indem sie sich neu erfanden.

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