Einbeck, dessen Bier (der Ahn des „Bockbiers") ins ganze Reich ausgeführt wurde, zeigt seinen Wohlstand an seinem Rathaus: zwei spitze Erker, 1593-1595 hinzugefügt, rahmen den alten Ratsbau. Hinter den bemalten Fassaden machten Hunderte Brauhäuser den Reichtum der Stadt aus. Die steinernen Türmchen wachen über dem Platz wie zwei Schildwachen des Hopfenwohlstands.
Was man sehen sollte
Das Leitbild sind die drei Erker, die aus der Fassade treten, jeder von einem spitzen, trichterförmig umgedrehten Kegel bekrönt. Diese dreitürmige, rhythmische und vertikale Komposition ist beispiellos: Sie verleiht dem Einbecker Rathaus die Anmutung eines kleinen städtischen Schlosses. Die oberen Geschosse in Fachwerk sind mit fein geschnitzten Fächerrosetten geschmückt, einem Lieblingsmotiv der Spätgotik und der regionalen Renaissance.
Unter dem Bau zieht sich ein dreischiffiger gotischer Keller hin, Zeuge des Vorgängerbaus. Die Dachdeckung besteht aus Sollingplatten. An der Fassade erinnern eine Inschrift und die Stadtmarke — das Siegel, das einst die ausgeführten Bierfässer beglaubigte — daran, dass man hier im verwaltungs- und handelsmäßigen Zentrum einer Stadt steht, deren Reichtum auf ihrem Gewerbe beruhte.
Geschichte
Einbeck, wohlhabende Hansestadt, lebt zu großen Teilen von seinem Bier: dem Einbecker Bier, einem im ganzen Reich geschätzten Starkbier, so berühmt, dass sein Name durch bairische Umformung das Wort „Bock" ergeben haben soll. Das erste Rathaus ist schon im 14. Jahrhundert bezeugt. Doch 1540 verwüstet ein Brand die Stadt. Der Wiederaufbau beginnt ab 1549.
Das heute sichtbare Gebäude verdankt seine Gestalt der Kampagne der 1590er Jahre: Der westliche und der mittlere Erker entstehen 1593, der östliche 1595. Es ist also ein Werk der vollen Renaissance, geboren aus dem Willen der Stadt, sich mit Glanz wiederaufzurichten. Das Rathaus blieb Sitz der städtischen Macht und einer der Merkpunkte einer Altstadt, die zu den besterhaltenen Fachwerkensembles Deutschlands zählt.
Symbole und Geheimnisse
Die drei Türmchen sind keine bloße Architektenlaune. In einer Stadt der Kaufleute und Brauer musste das Rathaus die Macht des Rates über die gewöhnlichen Häuser hinaus anzeigen: Die weithin sichtbare Vertikale der Kegel ist eine Rangbehauptung. Die an der Fassade eingehauene Stadtmarke benennt die andere Seite dieser Macht: die Kontrolle über Güte und Ausfuhr des Bieres, Einbecks eigentlichen Schatz. Die Fächerrosetten schließlich schreiben den Bau in die Ziergrammatik der Region ein, auf halbem Weg zwischen gotischer Tradition und neuem Renaissancegeschmack.
Warum dieser Ort zählt
Weil das Alte Rathaus Einbeck zeigt, wie sich eine Stadt nach der Katastrophe wiederaufbaut, indem sie die Prüfung in Selbstbehauptung verwandelt. Seine Silhouette mit den drei kegelbedachten Türmchen macht es zu einem der unverwechselbarsten Rathäuser der deutschen Renaissance, und sein Schmuck — Fächerrosetten, Inschrift, Stadtmarke — verbindet es unmittelbar mit der Wirtschaft, die seinen Ruhm begründete. Im Herzen einer der schönsten Fachwerkaltstädte des Landes ist es der Höhepunkt eines außergewöhnlichen Stadtbildes.
Man ermisst seinen Wert besser, wenn man es in seine Straße zurückstellt: Um den Platz und entlang der benachbarten Gassen reihen sich enge, hohe Kaufmannshäuser in Fachwerk, geschmückt mit denselben Rosetten wie das Rathaus. Der städtische Bau ist kein vereinzeltes Denkmal, sondern der Schlussstein eines ganzen, vom Bierwohlstand getragenen Stadtgefüges. Das Alte Rathaus Einbeck zu betrachten heißt daher, mit einem einzigen Blick die Geschichte einer Kaufmannsstadt zu lesen, die sich nach dem Feuer wiederaufzurichten und ihren Stolz in Stein und Holz einzuschreiben wusste — bis zu ihren Dächern aus Sollingplatten und ihren erhaltenen mittelalterlichen Kellern unter dem Straßenniveau.

