HitsMap

Renaissance in Deutschland

Ottoneum

Kassel

Ottoneum

1604 eröffnet Landgraf Moritz der Gelehrte in Kassel ein Gebäude, das es sonst nirgends in Deutschland gibt: ein eigenständiges Theater, eigens für die Bühne errichtet. Als gelehrter Fürst, Komponist und Mäzen lässt Moritz hier seinen Hof spielen und tanzen. Der Bau wird später Naturkundemuseum — doch sein Stein bewahrt das Gedächtnis des ersten Schauspielhauses des Landes.

Was man sehen sollte

Der Blick sucht heute, hinter der Fassade und den Umbauten, die Erinnerung an ein Theater. Das Ottoneum wurde auf einem trapezförmigen Grundriss errichtet, einer ungewöhnlichen Form, die eine Absicht verrät: das Mauerwerk den Anforderungen einer Bühne anzupassen. Darin liegt der eigentliche Reiz des Baus: Es handelt sich nicht um einen in einem bestehenden Palast eingerichteten Saal, sondern um ein eigens für das Schauspiel errichtetes, frei in der Stadt stehendes Gebäude. Sein Volumen, seine Proportionen, seine Lage zeugen von diesem bahnbrechenden Anspruch. Die späteren Bauphasen — Umnutzung, Erweiterungen, Wiederaufbau nach dem Krieg — haben das Innere verändert, doch der Platz, den das Ottoneum in der Geschichte der Theaterarchitektur einnimmt, bleibt in seinem Grundprinzip ablesbar: ein eigenständiger, dem Spiel gewidmeter Bau.

Geschichte

Moritz von Hessen-Kassel, genannt Moritz der Gelehrte, regiert eine Landgrafschaft, die er durch Literatur, Musik und Theater zum Leuchten bringen will. Er beauftragt den Architekten Wilhelm Vernukken, von 1603 bis 1606 einen dauerhaften Schauspielsaal zu errichten. Der Bau erhält den Namen Otto, nach dem Lieblingssohn des Landgrafen. Der Hof Moritz' pflegt enge Beziehungen zum Theater: Er empfängt Schauspieltruppen, darunter englische Komödianten, die auf dem Kontinent ein neues Repertoire verbreiten. Doch der Schwung bricht ab: Der Eintritt in den Dreißigjährigen Krieg nach 1618 beendet dieses erste Theaterleben. Um 1690 baut der Hofarchitekt Johann Conrad Giesler das Gebäude um, um darin die Kunst- und Naturaliensammlungen des Landgrafen unterzubringen. Im 18. Jahrhundert beherbergt das Ottoneum zeitweise ein anatomisches Theater und eine Sternwarte, später weitere Nutzungen. Nachdem es lange den wissenschaftlichen Sammlungen gedient hat, wird es endgültig Naturkundemuseum. Bei den Bombenangriffen im Oktober 1943 schwer beschädigt, wird es nach dem Krieg nach alten Aufmaßen wiederaufgebaut.

Symbole und Geheimnisse

Das Ottoneum ist das Denkmal einer Idee: dem Theater einen eigenen steinernen Körper zu geben. Um 1600 wird das Schauspiel meist in provisorischen Sälen, Höfen oder hergerichteten Hallen aufgeführt. Mit der Bestellung eines eigens gewidmeten Baus erklärt Moritz, dass die dramatische Kunst eine eigene Architektur verdient. Der trapezförmige Grundriss und die aufeinanderfolgenden Umnutzungen — Theater, Kunstkammer, anatomisches Theater, Naturkundemuseum — machen aus dem Gebäude ein Palimpsest: Jede Epoche hat darin ihre eigene Vorstellung von Wissen und Anschauung gelesen. Das heute hier bewahrte Ratzenberger Herbarium, eines der ältesten systematischen Herbarien Europas, setzt diese Berufung eines Ortes fort, an dem man die Welt sammelt, ordnet und zeigt.

Warum dieser Ort zählt

Durch seine Entstehungszeit und seine ursprüngliche Funktion nimmt das Ottoneum einen Gründungsplatz in der Geschichte des deutschen Theaters ein: Es ist der erste eigenständige Bau, den das Reich der Bühne widmete. Es verkörpert die Gestalt des mäzenatischen Fürsten der Spätrenaissance, Moritz des Gelehrten, der Kassel zu einem Zentrum der Musik und der Literatur machte. Auch als Naturkundemuseum bewahrt das Gebäude die Spur dieser ursprünglichen Geste und erinnert daran, dass das Deutschland des frühen 17. Jahrhunderts für die dramatische Kunst eine ihm gemäße Architektur zu erfinden wusste.

In der Umgebung

Die nächstgelegenen Renaissance-Orte.

› Die ganze Renaissance in Hessen, Labor der Reformation und des Sternenhimmels