In Wismar, Hansestadt an der Ostsee, lässt Herzog Johann Albrecht I. von Mecklenburg um 1553-1555 zu seiner Hochzeit ein „Neues Haus" nach dem Vorbild eines oberitalienischen Palasts errichten: den ersten großen Renaissance-Bau Mecklenburgs. Seine Fassade bedeckt sich mit den Terrakotten des Statius von Düren, Figuren- und Bibelfriesen. So weit im Norden prägt sich das erträumte Italien in gebrannten Ton.
Was man sehen sollte
Der Fürstenhof erzählt sich in zwei Schritten. Der ältere Bauteil, der „Alte Hof", geht auf die Jahre 1512/13 zurück und bewahrt das Gepräge des ausgehenden Mittelalters. Der eigentliche Anziehungspunkt ist das „Neue Haus" von 1553/54: Seine lange, regelmäßige Fassade wird von zwei waagerechten Reliefbändern gegliedert, die über die gesamte Breite laufen. Achten Sie auf das Material: Der Schmuck ist teils in Haustein (Kalkstein), überwiegend aber in gegossener Terrakotta ausgeführt, von den Jahrhunderten patiniert. Treten Sie näher an die Friese heran: Man erkennt Szenen aus der antiken Sagenwelt und Gleichnisse aus der Bibel, als kleine erzählende Reliefs gestaltet. Der Kontrast zwischen dem roten Backstein der Mauern und dem hellen Relief der Terrakotten gibt dem Ganzen seine Handschrift. Von der Straße aus erzeugen die Reihung der Fenster und das durchlaufende Fries jenen Eindruck eines geordneten Palastes, der der gotischen Vertikale der Nachbarhäuser fremd ist.
Geschichte
Wismar ist damals eine mächtige Hansestadt und zugleich Residenz der Herzöge von Mecklenburg. Herzog Johann Albrecht I., gebildeter Fürst und Anhänger der lutherischen Reformation, lässt den neuen Bauteil des Palastes anlässlich seiner Hochzeit mit Anna Sophie von Preußen 1555 errichten. Das Neue Haus entsteht „nach oberitalienischen Vorbildern"; das bekannte Vorbild ist der 1508 erbaute Palazzo Roverella in Ferrara. Der Terrakottaschmuck wird der Werkstatt des in Lübeck tätigen Bildhauers Statius von Düren anvertraut, dessen gegossene Platten damals die schönsten Bauten der Region schmücken. So wird der Fürstenhof zum ersten bedeutenden Renaissancebau Mecklenburgs und zum Prototyp einer eigenständigen mecklenburgischen Backstein- und Terrakottarenaissance, die anschließend weitere herzogliche Bauten prägt. Im Lauf der Jahrhunderte wechselt der Palast seine Nutzung; heute beherbergt er das Amtsgericht Wismar, was seine Architektur bewahrt hat.
Symbole und Geheimnisse
Die Friese sind kein bloßer Zierrat, sondern ein Programm. Indem sie antike Sagenwelt und biblische Gleichnisse verbinden, zeigen sie die doppelte Bildung eines Renaissancefürsten, genährt von klassischem Humanismus und reformierter Frömmigkeit. Die Terrakotta — ein gegossenes und damit wiederholbares Material — erlaubt es, ein gelehrtes Bildrepertoire kostengünstig zu entfalten, das in Stein, der in diesen Backsteinebenen selten ist, unerschwinglich gewesen wäre: Das ist der technische Kniff, der den optischen Reichtum des Nordens ausmacht. Die Wahl eines ferraresischen Vorbilds ist ihrerseits eine politische Botschaft: Der Herzog beansprucht die modernste Formensprache Europas. Für diesen Schmuck fällt bisweilen das Wort „Johann-Albrecht-Stil"; der Begriff bezeichnet jedoch in Wahrheit die Neorenaissance des 19. Jahrhunderts. Für den Bau des 16. Jahrhunderts spricht man besser von mecklenburgischer Backstein- und Terrakottarenaissance.
Warum dieser Ort zählt
Der Fürstenhof ist der Wendepunkt. Vor ihm baut Mecklenburg noch gotisch; mit ihm zieht die Grammatik der italienischen Renaissance — Friese, Ordnungen, erzählende Reliefs — an die Ostsee, übersetzt in den heimischen Backstein und die Terrakotta. Er begründet eine Familie von Bauten (Schloss Gadebusch, Schloss Schwerin), die dieselbe Terrakottawerkstatt und denselben Anspruch teilen. In einer zum UNESCO-Welterbe gehörenden Altstadt gelegen, lässt er an einer einzigen Fassade ablesen, wie eine in Florenz oder Ferrara geborene Idee bis an den Rand der hansischen Welt reiste, ohne ihre Kraft zu verlieren.

