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Renaissance-Skulptur

Die Geusenbecher der Stadt Wesel

Gilles Sibricht, orfèvre à Cologne — Wesel, 1578 (Argent doré (orfèvrerie), deux coupes d'apparat).

Kontext

1578 fertigt der Kölner Goldschmied Gilles Sibricht im Auftrag protestantischer Flüchtlinge aus den Niederlanden und den südlichen Provinzen zwei prächtige, vergoldete Silberpokale. Eine Delegation der niederländischen Gemeinden überreicht sie am 24. Februar 1578 dem Rat der niederrheinischen Hansestadt Wesel zum Dank für die gewährte Gastfreundschaft — einen für die Flamen, einen für die Wallonen. Auf der Flucht vor konfessioneller Verfolgung hatten diese Calvinisten im protestantischen Wesel gegen den Willen des Landesherrn Zuflucht gefunden; konfessionelle Nähe wie wirtschaftliche Gründe erklären die Aufnahme. Die Pokale erinnern an jenen Augenblick, als ein großer Teil der niederländischen Bevölkerung die Stadt wieder verließ.

Bedeutung

Die Pokale tragen den Ehrennamen „Vesalia hospitalis", „das gastfreundliche Wesel", der ihre Botschaft zusammenfasst: die Dankbarkeit der Verbannten gegenüber einer aufnehmenden Stadt. Der Pokal der Wallonen zeigt in seiner mittleren Zone biblische Beispiele der Gastfreundschaft. Das Objekt verwandelt eine bedeutende Episode der religiösen Wanderungen des Europas im 16. Jahrhundert in goldschmiedegewordene Erinnerung.

Bemerkenswerte Elemente

Zwei vergoldete Silber-Prunkpokale, einer für die flämische, einer für die wallonische Gemeinde, unterschieden durch ihr Bildprogramm. Der lateinische Wahlspruch „Vesalia hospitalis" und die der Schrift entnommenen Gastfreundschaftsszenen bilden den Kern ihres Schmucks.

Symbolik

Die Gastfreundschaft, eine christliche Tugend, wird hier zum bürgerlichen Sinnbild erhoben: Den verfolgten Fremden aufzunehmen wird zum Ruhmestitel der Stadt. Die Pokale, Gefäße des Festmahls und der Repräsentation, besiegeln das moralische Bündnis zwischen einer Gemeinschaft von Verbannten und ihrem Zufluchtsort.

Geheimnisse

Die Pokale überdauerten die Jahrhunderte im Besitz der Stadt; 1946, unmittelbar nach dem Krieg, wurden sie unter dem geretteten Weseler Silber geborgen. Schon ihr Fortbestand spannt einen Faden vom Exil des 16. Jahrhunderts zu den Umbrüchen des 20.

Analyse der Emotionen

Dankbarkeit, Würde und ein geteilter Stolz: Das Objekt spricht zugleich von der Not des Exils und von der Großzügigkeit der Aufnahme. Der Reichtum des vergoldeten Silbers macht aus diesem Dank weniger ein bloßes Geschenk als ein Denkmal der Erkenntlichkeit.

Führungstext

Stellen Sie sich die Szene vom 24. Februar 1578 vor: Eine Delegation niederländischer Flüchtlinge tritt vor den Weseler Rat und überreicht zwei vergoldete Silberpokale. Lesen Sie im Geiste den Wahlspruch, den sie tragen, „Vesalia hospitalis" — das gastfreundliche Wesel. Suchen Sie auf dem Pokal der Wallonen die biblischen Aufnahmeszenen: Sie verwandeln eine Dankesgeste in eine moralische Lehre.

Anekdote

Der auf den Pokalen eingravierte Beiname „Vesalia hospitalis" blieb mit der Stadt verbunden: Er macht aus dieser Geste calvinistischer Flüchtlinge von 1578 ein Gastfreundschafts-Motto, zu dem sich Wesel bis heute bekennt.

Siehe auch