Versetzen Sie sich für einen Augenblick in den letzten Chorherrn des Stifts, 1534: Herzog Ulrich hat eben Württemberg zurückerobert und die Reformation eingeführt; Ihre Stiftskirche verliert ihr Kapitel, und der Chor, in dem Sie das Offizium sangen, wird sein Schicksal wechseln. Man zerstört ihn dennoch nicht — man verschont ihn, um die Fürsten darin zu betten. Hinter dem bewahrten Lettner öffnet sich fortan ein kühler, geschlossener Raum, dicht von Grabfiguren: anderthalb Jahrhunderte Grabskulptur, von der Spätgotik bis zu den Renaissance-Grabmälern Christoph Jelins. Hier hat das Gedächtnis der Dynastie die Liturgie abgelöst; das Licht fällt noch aus dem Glasfenster Peter Hemmels von 1475.# Die Stiftskirche St. Georg in TübingenÜber dem alten Markt von Tübingen erhebt sich die Stiftskirche St. Georg, eine hohe spätgotische Hallenkirche. Ihr Schatz ist kein Turm und keine Fassade: Es ist ihr Chor, der ab 1550 zur Grablege der Herzöge von Württemberg wurde. Hinter einem erhaltenen Lettner öffnet sich ein geschlossener Raum, in dem sich über anderthalb Jahrhunderte die Grabmäler einer Dynastie reihen — von der gotischen Liegefigur bis zum Renaissancemonument.
Was man sehen sollte
Durchschreiten Sie den Lettner — jene durchbrochene Wand zwischen Schiff und Chor, eine der wenigen im protestantischen Land erhaltenen — und Sie betreten eine eigene Kammer. Dort drängen sich die Grabmäler der württembergischen Fürsten, zwischen 1450 und 1616 gehauen: steinerne Liegefiguren mit gefalteten Händen, wappengeschmückte Platten, aufragende Monumente, auf denen der Verstorbene kniet oder steht. Von Grab zu Grab liest man den langsamen Übergang von der ausgehenden Gotik zur Renaissance: Die steifen Falten lösen sich, antikische Medaillons erscheinen, die Bildnisse werden ähnlich.
Suchen Sie das Grabmal Eberhards im Bart, des ersten Herzogs von Württemberg, und die Ulrichs, Christophs — des Reformationsherzogs — und Ludwigs. Jedes Monument entfaltet sein Programm: Inschriften, Daten, Wappen, kleine Figuren. Eines, das der Eva Christina von Mömpelgard, ist das gesicherte Werk des Bildhauers Christoph Jelin.
Im Schiff heben Sie den Blick zum Chorfenster von Peter Hemmel von Andlau (1475), rund hundert Scheiben, auf denen die mittelalterliche Farbe noch leuchtet, und zum Kreuzigungstriptychon, um 1520 von Hans Schäufelin, einem Dürer-Schüler, gemalt. Das Chorgestühl von 1491, in die Seitenschiffe versetzt, um die Grablege freizustellen, bewahrt seine geschnitzten Köpfe und Figuren: Aaron, Moses, David und Christus sind zu erkennen. Hemmels Fenster zählt über hundert Scheiben, auf denen die Marienlegende und der Stifter Eberhard erscheinen. Und wenn Sie den Atem haben, steigen Sie auf den Turm: Er gibt die dicht gedrängten Dächer der Altstadt und die Schleife des Neckars frei, dieselbe Landschaft, die die Studenten und Theologen des Herzogtums sahen.
Geschichte
Die Kirche entsteht mit der Universität Tübingen, 1477 vom Grafen Eberhard im Bart gegründet — eben jenem, dessen Grabmal heute im Chor ruht. Stiftskirche und Stätte der Gelehrsamkeit, wird sie rasch zu einem geistigen Herd des Herzogtums und dann der württembergischen Reformation: In dieser Stadt bilden sich die Pfarrer und Gelehrten Württembergs. Der Chor, zunächst Aula der akademischen Versammlungen, ändert 1534 sein Schicksal, als Herzog Ulrich, zurück an der Macht, die Reformation einführt und das Chorherrenstift aufhebt.
Es ist wieder Ulrich, der den entscheidenden Einfall hat: den nun gottesdienstlosen Chor zur Grablege seines Hauses zu machen. Ab 1550 werden die Herzöge hier bestattet, und man versammelt die älteren Grabmäler. Über mehr als hundertfünfzig Jahre arbeiten die besten Bildhauer der Region — von der Spätgotik bis zur oberdeutschen Renaissance — daran. Der Lettner, den andernorts die Reformation niederreißt, bleibt hier erhalten: Er trennt das Heiligtum der Toten vom Raum der Lebenden. Vom Krieg des 20. Jahrhunderts verschont, ist die Tübinger Grablege eine der besterhaltenen Süddeutschlands.
Symbole und Geheimnisse
Die Grablege ist eine Rede. Indem das Haus Württemberg seine Ahnen in einem einzigen Chor versammelt, gibt es sich eine sichtbare Genealogie, eine in Stein gemeißelte Legitimität. Den Lettner zu bewahren, ist kein Zufall: Er macht den Chor zum dynastischen Reliquiar, einem Ort, den man zeigt und schützt. Und der Übergang, vor unseren Augen, von der mittelalterlichen Liegefigur zum Renaissancebildnis bezeugt einen Epochenwandel: Der Fürst hört auf, eine anonyme betende Gestalt zu sein, und wird ein Individuum, erkennbar, datiert, benannt.
Warum dieser Ort zählt
Weil er in einem einzigen Raum anderthalb Jahrhunderte deutscher Grabskulptur ohne Unterbrechung bietet — ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch der Kunst, von der Gotik zur Renaissance. Und weil er zeigt, wie eine protestantische Dynastie ihr Gedächtnis erfand: nicht mehr durch die Reliquien der Heiligen, sondern durch die Grabmäler ihrer Fürsten.

