An der Nordwand des Seitenschiffs von St. Marien entfaltet eine „Schwalbennest"-Orgel ihr geschnitztes Gehäuse aus Obelisken und Voluten. Die Brüder Slegel bauten sie zwischen 1586 und 1595; ihre Stimme war in der lutherischen Stadt Lemgo ebenso Musik wie Zeichen. Man hebt den Kopf zu diesem schwebenden Möbel wie zu einem hölzernen Vogel auf dem Stein.
Was man sehen sollte
Alles Interesse sammelt sich zuerst auf der Schwalbennestorgel, an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs hängend. Ihr Gehäuse, von den Brüdern Slegel (1586-1595) und von Fritz Scherer 1612/13 umgebaut, ist ebenso ein Stück Bildhauerei wie ein Instrument: verzierte Balken, Obelisken, Voluten und Ranken, das ganze Zierrepertoire der Spätrenaissance. Man sagt von ihr, sie verkörpere „das Klangideal der deutschen Spätrenaissance": Man muss sie nicht nur sehen, man muss sie sich klingend vorstellen.
Ringsum verdient die Kirche selbst den Blick. Sie ist eine frühgotische Hallenkirche, zwischen 1260 und 1320 erbaut: drei Schiffe, vier Joche und ein Chor, in seltener Form geschlossen — fünf Seiten eines Zehnecks. Seit 1863 ist der Außenputz entfernt und der Sandstein liegt frei. Suchen Sie die um 1310 geschaffenen Reliefs, Figuren und religiöse Szenen, Reste des mittelalterlichen Schmucks. Die Kanzel aus Lindenholz, 1643/44 von Hermann Voß geschnitzt (die vier Evangelisten und Christus), gehört schon dem Barock an: Sie zeigt, dass die Kirche sich weiter bereicherte, doch es ist die Renaissanceorgel, die ihr ihren Rang gibt.
Geschichte
St. Marien erhebt sich mitten im Mittelalter, zwischen 1260 und 1320, als gotische Halle — eine der beiden großen Pfarreien Lemgos neben St. Nicolai. Der Ostturm wird zwischen 1350 und 1375 vollendet. Mit der Reformation wird Lemgo lutherisch, und die Kirchenmusik nimmt einen zentralen Platz ein: Singen und Orgelspiel hieß, Gott auf reformierte Weise zu feiern, in der Sprache des Volkes.
Darum zählt die Orgel von St. Marien so sehr. Zwischen 1586 und 1595 errichten die Brüder Slegel das Gehäuse; 1612/13 baut Fritz Scherer das Instrument um. Im selben Augenblick, da das lutherische Lemgo seinem zum Calvinismus übergetretenen Grafen widerstand (1605), gab sich die Kirche eine prachtvolle Orgel — klingende Behauptung einer konfessionellen und bürgerlichen Identität. Das Instrument hat die Jahrhunderte durchquert, umgebaut, aber nie getilgt, und bleibt eine der wenigen erhaltenen Renaissanceorgeln der Region.
Die Kirche selbst erfuhr die üblichen Überarbeitungen: den Zuwachs barocker Ausstattung (die Kanzel von 1643/44), die Freilegung des Sandsteins im 19. Jahrhundert, moderne Restaurierungen. Doch ihr Wert für die Geschichte der Renaissance liegt in dieser Schwalbennestorgel, einem zerbrechlichen und kostbaren Zeugen einer Musikkunst, die man oft nur aus Texten kennt. In Lemgo ist sie noch da, an ihre Wand gehängt, in der Kirche, die sie entstehen sah.
Symbole und Geheimnisse
Die Schwalbennestorgel ist ein Paradox: hoch hängend, fast akrobatisch, scheint sie der Schwere zu trotzen — wie die Musik dem Schweigen trotzt. Ihr geschnitztes Gehäuse besagt, dass für die Lutheraner das Bild nicht verboten, sondern in den Dienst des Gottesdienstes gestellt war: Man schmückte das Instrument, wie man das Wort schmückte. Und ihr Überleben selbst ist ein Geheimnis der Geduld: umgebaut, repariert, bewahrt, hat sie die Stimme einer Zeit behalten, in der die Renaissance in Lemgo noch sang.
Warum dieser Ort zählt
Weil erhaltene Renaissanceorgeln selten sind und jene von St. Marien eine davon ist. Sie macht aus dieser gotischen Halle einen bedeutenden Ort der musikalischen Weserrenaissance, so wie Schloss Brake es für die Architektur ist. In Lemgo, der Stadt aus Stein und Giebeln, fügt St. Marien eine Dimension hinzu, die die Paläste nicht haben: den Klang einer Epoche, bewahrt in ihrem geschnitzten Gehäuse.

