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Renaissance in Deutschland

St. Georg (Nördlingen)

Nördlingen

St. Georg (Nördlingen)

Steigen Sie die Stufen des „Daniel"-Turms hinauf, fast neunzig Meter, bis zur Türmerstube. Am Abend ruft er noch über die Stadt — „So G'sell, so!" —, ein Wachdienst aus Zeiten, da man Brand und Feind erspähte. Von dort oben umfängt der Blick die ganze Tuchmacherstadt und, dahinter, den Ring des Rieskraters, jenes gewaltigen Meteoriteneinschlags, in dem Nördlingen steht. Unten bewahrt die Hallenkirche die Augsburger Kanzel von 1499, das Chorgestühl mit geschnitzten Köpfen und das Herlin-Retabel: um 1523 unter Kaspar Kantz lutherisch geworden, behielt die Stadt ihr Dekor als bürgerliches Gedächtnis. Der Türmer aber hat nie aufgehört zu rufen.# Die St.-Georgs-Kirche in NördlingenIm Zentrum Nördlingens, der runden, von Mauern umschlossenen Stadt, erhebt St. Georg eine der großen spätgotischen Hallenkirchen Schwabens und seinen Turm „Daniel", fast neunzig Meter hoch. Von 1427 bis 1505 errichtet, ist sie zuerst ein architektonisches Meisterwerk; ihr Renaissance-Anteil liegt in der Ausstattung des 16. Jahrhunderts — Sakramentshaus, Kanzel, Kaufmannsepitaphe — auf gotischem Körper. Wir sagen es offen.

Was man sehen sollte

Treten Sie in die dreischiffige Halle: zwölf Joche, schlanke Pfeiler, um 1500 vom Meister Stephan Weyrer dem Älteren vollendete Gewölbe. Im Chor bewahrt der Hochaltar das Retabel von 1462, dem Umkreis des Niclas Gerhaert van Leyden zugeschrieben, mit Gemälden Friedrich Herlins — noch gotisches Werk, doch Gipfel der schwäbischen Malerei des 15. Jahrhunderts, das 1683 eine barocke Fassung erhielt.

Für das 16. Jahrhundert suchen Sie das Sakramentshaus, von Stephan Weyrer entworfen und von Ulrich Creycz gehauen, sowie die Augsburger Kanzel (1499) mit Evangelistenreliefs. Das Chorgestühl, Hans Tauberschmid (um 1500) zugeschrieben, trägt fein geschnitzte Tier- und Menschenköpfe. Durchschreiten Sie schließlich die Wände der Seitenschiffe: Die zahlreichen Epitaphe erinnern an „die Vergangenheit Nördlingens als reiche Bürger- und Handelsstadt". Wenn Sie den Atem haben, besteigen Sie den „Daniel": Vom Gipfel umfasst der Blick das Ries.

Geschichte

Der Baubeschluss fiel am 17. Oktober 1427; der Chor war 1451 vollendet, der Turm 1454 begonnen und 1490 geschlossen, die Gewölbe eingezogen und der Bau 1505 fertig. Nördlingen, Reichsstadt, verdankte seinen Reichtum seinen großen Messen: Die Kirche ist deren Monument, von Kaufleuten und Zünften finanziert.

1523/1525 nahm die Stadt auf Betreiben des Reformators Kaspar Kantz den lutherischen Kult an. Wie andernorts in Schwaben zerstörte die Reformation die Ausstattung nicht: Herlins Retabel, die Kanzel, das Gestühl blieben und wechselten eher die Funktion als den Platz. Die Epitaphe des 16. Jahrhunderts aber mehrten sich: Jede große Familie wollte ihr Gedächtnis in den Stein der nun protestantischen Kirche schreiben.

Symbole und Geheimnisse

St. Georg ist das Bildnis einer Stadt. Seine einheitliche Halle, ohne geschlossenen Chor, bezeugt das Gemeinschaftsideal der Handelsstädte. Seine Epitaphe bilden eine Galerie des triumphierenden Bürgertums: Wappen, Bildnisse, Inschriften feiern Namen, die die Messen reich gemacht hatten. Der Erhalt des katholischen Retabels in einer lutherischen Kirche zeigt eine pragmatische Reformation, die ihre Bilder als Erbe bewahrte. Und der Turm „Daniel", steinerner Wächter, verbindet die Stadt noch durch den Ruf des Türmers mit ihrer Vergangenheit.

Warum dieser Ort zählt

Weil Nördlingen eine fast unversehrte Hallenkirche bietet, Schrein eines Meisterwerks Herlins und einer Ausstattung des 16. Jahrhunderts, die vom Stolz einer Handelsstadt erzählt. Sein Renaissance-Anteil, bescheiden gegenüber der gotischen Architektur, ist nicht weniger lebendig: Er liest sich in den Epitaphen, der Kanzel und dem Sakramentshaus. Man versteht hier, wie eine freie Stadt ihre Kirche zum Buch ihrer eigenen Geschichte machte.

(Ende)

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